Wenn am Montag um Punkt 18 Uhr alle gebannt vor dem Fernseher sitzen und dem deutschen Team bei seinem ersten WM-Spiel die Daumen drücken, schlägt zumindest ein Herz im Landkreis nicht schwarz-rot-gold.

Américo dos Reis Gonçalves lebt zwar schon über 40 Jahre in Deutschland, bei diesem Duell schlägt er sich allerdings auf die Seite seiner Heimat: "Ich wünsche mir natürlich, dass Portugal gewinnt. Dort liegt mein Herz. Ich hoffe, dass die Mannschaft weit kommt", sagt der 49-Jährige euphorisch.

Auf Verständnis trifft er dafür nicht bei allen Deutschland-Fans. Ein paar frotzelnde Sprüche im Vorfeld muss er sich deshalb immer wieder anhören: "Wenn Portugal aber gewinnt, sind alle wieder ruhig wie eine Kirchenmaus", prophezeit der gebürtige Portugiese und schmunzelt.

An den Tag, an dem er nach Deutschland kam, kann er sich noch genau erinnern. Das Datum, der 3. Juni 1973, kommt wie aus der Pistole geschossen. "Das prägt sich ein als Kind. Ich war neun Jahre alt", erzählt er. Mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern lebte er in einer kleinen Wohnung in Estoi bei Faro. "Es war die pure Armut. Wir haben zu siebt in zwei Betten geschlafen", erinnert er sich.

In Deutschland lebte er mit seiner Familie bis 1988 zunächst in Erlangen. In seiner neuen Heimat hatte es Américo dos Reis Gonçalves allerdings nicht immer leicht. Immer wieder bekam er Rassismus zu spüren: "Ob Kanake oder Affe, ich musste mir alles mögliche anhören. Ich habe lange gebraucht, bis ich das überwunden hatte." Auch seine Töchter bekamen es bereits mit Rassismus zu tun, weil sie während der letzten Europameisterschaft ein Trikot der portugiesischen Mannschaft trugen: "Ich verstehe das nicht. Fußball soll doch Spaß machen, nichts anderes."

Trotz dieser Erfahrungen nennt Américo dos Reis Gonçalves Deutschland heute seine erste Heimat - vor Portugal. Vor allem auf Höchstadt, wo er mit seiner Frau Karola und seinen drei Töchtern Isabel, Madalena und Natalia lebt, lässt er nichts kommen: "Ich liebe Höchstadt, hier ist mein Lebensmittelpunkt. Wir leben hier in einem Paradies." Américo dos Reis Gonçalves hat die doppelte Staatsbürgerschaft: "Ich bin niemals nur eins. Ich bin das, was ich bin. Das ändert auch kein Papier."

Américo dos Reis Gonçalves betreibt seit 2011 eine Firma für Gebäudereinigung im Aischpark. Inzwischen hat er 33 Mitarbeiter. Neben mehreren Firmen in Höchstadt und im Umkreis ist er unter anderem für die Reinigung der Brose Arena in Bamberg verantwortlich. Seit 1999 ist er außerdem Inhaber des Weinladens "Arte e Vinho", ebenfalls im Aischpark.

WM-Spiele möchte er sich mit seiner Familie so viele wie möglich ansehen. Die der deutschen und portugiesischen Mannschaft sowieso. Er freut sich auf die portugiesischen Spieler Alves, Meireles - und natürlich auch Ronaldo: "Er hat viele Macken, aber er ist ein toller Spieler." Für die WM hat Américo dos Reis Gonçalves noch einen ganz besonderen Wunsch: "Deutschland und Portugal im Finale. Das wär's." Als seine Frau Karola das hört, schüttelt sie nur den Kopf: "Bloß nicht! Das halte ich nervlich nicht aus", sagt sie und muss lachen. Américo dos Reis Gonçalves sieht es dagegen ganz gelassen: "Wenn Portugal dann nur Zweiter wird, ist das für mich auch in Ordnung."