Eine Woche waren sie auf dem Mittelmeer unterwegs. Mehrmals haben sie auf hoher See das Schiff gewechselt. Erst hätten die Schleuser versprochen, dass es bei der Überfahrt von Ägypten nach Italien nur 60 Menschen auf dem 18 Meter langen Schiff sein werden. Am Schluss sei es ein Kahn mit zehn Metern Länge gewesen. Darauf 250 Personen, fast alle aus Syrien, einige Afrikaner aus Somalia und Eritrea.

Mohammad und Ahmad sitzen im Aufenthaltsraum im Liebfrauenhaus und berichten von ihrer Flucht. In der Jugendeinrichtung in Herzogenaurach leben die Syrer seit Dezember. In den Wohngruppen, in denen Jugendliche mit schwierigem Elternhaus leben, sind momentan fünf sogenannte unbegleitete Flüchtlinge untergebracht. Asylbewerber, die als Minderjährige ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind.

Mohammad und Ahmad sind zwei von ihnen. Ihre Eltern sind weit weg. Vater, Mutter, Onkel und Oma sind in Ägypten geblieben. Für die Überfahrt mit dem Boot musste die Familie viel Geld bezahlen. Sie sind sportliche junge Männer, die am letzten Samstag ihren 18. Geburtstag hatten. Beide am selben Tag. Denn sie sind Zwillinge.

Von Italien sind sie nach Deutschland gekommen. Mehrere Stationen haben die Brüder nach der Ankunft im Asylbewerberlager in Zirndorf hinter sich bringen müssen. Erst wurden sie nach Nürnberg in ein Übergangslager am Flughafen gebracht, dann ging es nach Cadolzburg, dann wieder zurück nach Nürnberg. Die Unterkunft in Herzogenaurach habe sich spontan ergeben.

Erwachsen werden in der Fremde
Zur Geburtstagsfeier haben sie für die anderen Jugendlichen Koba gekocht. Ein arabisches Gericht aus Couscous und Hackfleisch. Ein bisschen Heimat zur Feier, dass sie nun als erwachsen gelten. "Auch wenn sie jetzt 18 sind, sind sie ja plötzlich keine Erwachsenen. Das sind sie erst, wenn sie auf eigenen Beinen stehen können", sagt Oliver Reitz. Er ist der pädagogische Leiter im Liebfrauenhaus. "Chef-Olli", wie Mohammad und Ahmad scherzhaft immer sagen.

Reitz berichtet davon, wie kompliziert es ist, Flüchtlinge in das System zu integrieren. Vor allem, wenn es sich noch um Minderjährige handelt, wie bei den Zwillingen, die mit 17 angekommen sind. Amtlicher Vormund, Jugendamt, Schule, Asyl-Clearingstelle, Ausländeramt, Kultusministerium: Es gibt viel Papierkram zu erledigen. Es geht auch darum, eine Möglichkeit zu finden, die Eltern der beiden nach Deutschland zu holen.

Eine Aufgabe, die für Reitz und seine Kollegen nicht einfacher geworden ist, dadurch dass die beiden auf dem Papier jetzt volljährig sind. Volljährig, aber trotzdem zu jung, um sich in einem fremden Land ohne Eltern durchzuschlagen.
Jeder der jungen Flüchtlinge hat einen amtlichen Vormund. Dabei gehe es allerdings nur um den juristischen Ersatz eines Erziehungsberechtigten, sagt Reitz. Um die alltäglichen Belange und die menschliche Begleitung kümmern sich die Mitarbeiter im Liebfrauenhaus.

Gutes Vorbild für die ganze Gruppe
"Die beiden haben sich super in unsere Gruppe integriert. Sie sind ein gutes Vorbild für viele der Jugendlichen bei uns", sagt Stefanie Grasser. Sie ist Erzieherin im betreuten Wohnen und kümmert sich um die jugendlichen Flüchtlinge. Die Anerkennung des Asylverfahrens für Mohammad und Ahmad laufe gerade. "Uns wurde von den Behörden zugesichert, dass versucht werde, ein Jahr Bearbeitungszeit nicht zu überschreiten", sagt Grasser.

Nun gehe es darum, eine Möglichkeit zu finden, die Brüder ins deutsche Schulsystem zu integrieren, damit sie ihr Abitur machen können. Mohammad möchte Maschinenbau studieren. Ahmad interessiert sich für Medizin.
Eine Zukunft war für die zwei Brüder in Ägypten nur schwer möglich, denn es sei ihnen nicht gestattet gewesen, zur Schule zu gehen. Viel hat nicht mehr gefehlt zum Abitur.

In Syrien sind sie bis zur elften Klasse gekommen. Im Liebfrauenhaus bekommen sie Sprachunterricht. Sie bemühen sich, die Fragen auf Deutsch zu beantworten.

Wo es zu holprig wird, hilft Hassan Abo Rmh. Der 31-Jährige ist ebenfalls aus Syrien. Er ist schon vor dem Bürgerkrieg zum Studieren nach Deutschland gekommen. Er ist in Erlangen für Molekularmedizin eingeschrieben. Im Liebfrauenhaus arbeitet er als pädagogische Kraft und ist die sprachliche Brücke zu den jugendlichen Flüchtlingen. Mit ihrem Landsmann scherzen die Brüder viel. Sie lachen, wenn sie darüber reden, wie das mit den Mädels nun genau war, an dem Platz an dem sie sich in ihrem Stadtviertel in Damaskus immer getroffen haben. Oder ob Ahmads Torhüterqualitäten für Bayern München ausreichen würden.

Es ist erstaunlich, wie fröhlich junge Menschen sein können, die ihre Freunde vermissen, ihre Heimat, ihre Familie. Viele Freunde seien weit verstreut, sagt Mohammad. In Schweden oder in der Türkei. Von vielen hat er gar nichts mehr gehört, seit er geflohen ist. Er weiß nicht, ob sie im Gefängnis des Regimes oder beim Militär gelandet sind. Oder ob seine Freunde Opfer von Bomben wurden.

Wie sich Ahmad vor dem Krieg seinen 18. Geburtstag vorgestellt hat, könne er nicht genau sagen. Sicher aber nicht, dass er in Mitteleuropa landet. Die zwei sind Jugendliche, die am Anfang stehen. Aber Sie blicken in eine ungewissen Zukunft. In einem fremden Land.