"Warum stehen wir heute hier? Wir möchten auf die Sektenkinder von Lonnerstadt aufmerksam machen", das sagt Christina Plank durch das Megafon. Sie steht da, vor dem grünen Gebäude in Erlangen, davor findet das Treiben auf dem Markt statt. Ohne den vorweihnachtlichen Einkaufsrummel wäre es ruhiger hier an diesem Freitag um 15 Uhr vor dem Landratsamt. Das Amt hat auch schon zu. Der Landrat ist nicht da. Nur 20 Bürger sind gekommen, um wieder an die Lebensumstände der sogenannten Sektenkinder von Lonnerstadt (Höchstadt) zu erinnern.

Es ist die dritte Mahnwache für die Sektenkinder von Lonnerstadt. Die erste fand spontan nach dem WDR-Film vom Oktober statt, der das ärmliche Leben der drei Kinder zeigt, die in der Sekte "Neue Gruppe der Weltdiener" nach strengen Regeln leben müssen. Aus der Sicht vieler Bürger, ist das kein gutes Kinderleben. Deshalb standen sie bereits vor dem baufälligen Haus in Lonnerstadt, in dem die Kinder leben. Dann standen sie Anfang November vor dem Haus des Sekten-Gurus in Ailsbach. Dort waren fast 200 Empörte gekommen. Doch nun, nach einem wochenlangen Aufschrei im Landkreis lässt das Interesse langsam nach - weil das Landratsamt, oder besser: das Jugendamt, sich mehrmals schon erklärte - und dennoch haben sie sich vor dem grünen Gebäude versammelt.

"Wir sehen die Verantwortung hier", sagt Mitorganisator Thomas Paulwitz. Die Bürger würden sich nicht ernst genommen fühlen. Zu viele Erklärungsversuche für das Nichteinschreiten des Amtes im Fall der Kinder, zu wenig wirkliches Kümmern aus ihrer Sicht. Wobei das Amt bereits deutlich machte, dass es den Fall genau beobachte und immer wieder bei der Familie vorbei schaue. Dennoch:"Wir haben nicht das Gefühl, dass das Ganze in guten Händen ist", sagt Paulwitz.


"Wo sind die Akten?"

Auf einem der Plakate, das die Demonstranten dabei haben, steht "40 Jahre Politik sind genug" - das geht an die Adresse von Landrat Eberhard Irlinger (SPD) "Wo sind die Akten, Herr Landrat?", steht auf einem anderen. Damit zielt die Mahnwache auf den Fall der alten Sektenkinder ab, um deren Schicksal es vor rund zehn Jahren in der Sekte nicht gut bestellt war. Das Jugendamt hat Aufklärung versprochen und Akteneinsicht, nur, sagt Barbara Urban - eine der ehemaligen Sektenkinder - sei bisher noch nichts passiert, obwohl ihr Anwalt sich schon länger um den Blick in die Behördennotizen bemühen würde.

Barbara Urban ist wegen der Mahnwache am Freitag extra aus Regensburg gekommen wie schon zur zweiten Mahnwache vor dem Haus des Ailsbacher Gurus. Dort hatte sie als Jugendliche mit ihren Brüdern leben müssen - und gelitten.

Konrad, ihr jüngster Bruder, war bis 2005 im Haus des Sektenführers, dem Lebensgefährten der Mutter. Konrad und Kilian, Barbara Urbans Brüder, sind körperlich wie psychisch immer noch stark mitgenommen aus der Zeit damals, weil sie nicht ärztlich versorgt wurden und weil sie kaum Kontakt zur Außenwelt haben durften.
Einige befürchten, dass es den heutigen Sektenkindern ähnlich ergehen könnte, weil sie, wie in dem WDR-Film gezeigt, unter denselben rigiden Regeln der Sekte aufwachsen müssen.


Verwunderung über Aussagen

In der jüngsten Stellungnahme des Landratsamtes Erlangen-Höchstadt hat sich Landrat Irlinger verwundert gezeigt über die Ankündigung, dass wieder eine Protestaktion stattfinden soll. Seinen Aussagen nach hätten die Mahnwachen-Organisatoren in einem Treffen vom 15. November zugesichert, keine weiteren Aktionen starten zu wollen. Thomas Paulwitz zeigte sich am Freitag auf der Mahnwache wiederum über diese Aussage des Landrats verwundert, denn: "Wir haben nicht versprochen, keine Mahnwache mehr machen zu wollen."