In der Morgendämmerung aus den Federn zu kommen ist für gewöhnlich nicht die Königsdisziplin der Jugend. In Etzelskirchen allerdings schon. Denn zum Gradschen muss man früh raus. So will es der katholische Brauch.
Immer zu den Osterfeiertagen ziehen in den Orten um Etzelskirchen die Ministranten durch die Straßen und machen ordentlich Krach. In der Hand halten die Jugendlichen ihre hölzernen Ratschen, fränkisch: "Gradschen".

Daniel Drosdziol und Leo Köberlein sind mittlerweile schon wahre Experten, wenn es um die Gradscherei geht. Der 15-jährige Daniel aus Höchstadt ist schon zum fünften Mal dabei. Seit seiner Kommunion nimmt er am Osterbrauch teil. Der 14-jährige Leo aus Etzelskirchen macht schon seit sechs Jahren mit. Das frühe Aufstehen sei die bittere Pille, die man als Gradscher schlucken muss, sagt Leo. "Wenn es keinen Spaß machen würde, würden wir es ja aber auch nicht machen."

Die katholische Tradition ist mit dem Leiden und Sterben Jesu verbunden: "Das Ratschen ersetzt die Glocken, die von Gründonnerstag bis Ostersonntag verstummen", erklärt der Etzelskirchener Pfarrer Stefan Pröckl den Brauch. Zum Zeichen der Trauer und des Gedenkens des letzten Abendmahls Jesu werden keine Glocken geläutet. "Die Kartage sind Tage der Kargheit", sagt Pröckl. Das hözerne Klappern der Ratschen soll dies symbolisieren. Eine weitere Funktion des alten Brauchs: Die Menschen werden mit dem Gegradsche zu den Gottesdiensten gerufen.


Eier zusammengradschen

Ab Gründonnerstag um 20 Uhr wird zu festen Zeiten Gegradscht. Am Karfreitag ging es auch heuer um 6 Uhr los. Dann wieder um 8 Uhr, 12 Uhr, 15 Uhr, 18 Uhr und 20 Uhr sowie zum Beginn des Gottesdienstes. Außerdem werden an den Feiertagen in Etzelskirchen und den Ortsteilen Bösenbechhofen, Saltendorf, Kieferndorf und Medbach "die Eier zusammengegradscht". Die Ministranten ziehen von Haus zu Haus und sammeln Süßigkeiten. Sie singen: "Leut dracht eure Eier zam, roda, gelba, alrahand, gebt sie uns glei allazam!" Ab und zu bekomme man auch heute noch ein Hühnerei, sagt Leo. Vor allem die Älteren können sich an den alten Brauch noch erinnern. Heute sind aber vor allem die Süßigkeiten der Lohn. Die Ausbeute werde dann brüderlich in der Gruppe geteilt.

Heuer sind es 26 Ministranten, denen es sichtlich Spaß macht, mit ihren Instrumenten kräftig Lärm zu machen. Daniel meint, es würden von Jahr zu Jahr weniger werden, die den Brauch noch ausüben, aber in diesem Jahr sind zwei neue Gradscher dazu gekommen. Nachwuchs sei bei den Jungen mit den Holzratschen immer willkommen. Die Holzratschen kaufen die Ministranten selbst oder lassen sie sich von versierten Heimwerkern bauen. Einige haben schon etliche Einsätze auf dem Buckel. Mehrere Holzhämmer sind auf einer Trommel angebracht. Über eine Kurbel bringt man die Ratsche in Gang und die Holzteile schlagen laut aufeinander.


Verdutzte Australier

Es komme schon häufiger vor, dass Passanten und Anwohner den Brauch nicht kennen. Der 15-jährige Jan Heller aus Etzelskirchen, auch schon lange beim Gradschen dabei, hatte einmal verdutzte Australier an der Haustüre stehen. Sie waren zu Besuch bei Freunden, die ihnen dann den Brauch erklärt haben. Leo erinnert sich an verwunderte Engländer, die mit dem Auto unterwegs waren und anhielten, um die seltsamen Krachmacher zu fotografieren.