Ein Kilo frischer Schweinekammbraten ohne Knochen für 3,79 Euro (minus 55 Prozent) - so steht es im Prospekt einer Lebensmittelkette, die auch noch mit dem Slogan "Wir lieben Lebensmittel" und dem QS-Siegel wirbt. Wenn Friedrich Neuner solche Angebote liest, könnte er an die Decke gehen. Neuner ist Ferkelzüchter, aber nicht mehr lange.

Zusammen mit Ehefrau Gerlinde hat er in dem Vestenbergsgreuther Ortsteil Pretzdorf 35 Jahre lang Ferkel gezüchtet. Mit 60 Zuchtsauen haben die Neuners angefangen, 120 hatten sie am Ende. Zuchtsauen haben sie inzwischen keine mehr. Ihre letzten 300 Ferkel gehen in drei Wochen zum Schweinemäster. Dann ist für die Neuners Schluss mit der Ferkelzucht.

Sie sind die letzten Ferkelzüchter im Landkreis Erlangen-Höchstadt. "Vor zwölf Jahren hat es noch sieben solcher Betriebe im Kreis gegeben", blickt Tierarzt Dr. Lothar Richter zurück. Er betreut den Hof in Pretzdorf seit Jahren. Mit kurzen Transportwegen zum Mäster und zum Schlachthof wäre unsere Region für Schweinebetriebe eigentlich ideal, sagt der Tierarzt, "aber es findet sich niemand, der es machen will".

Von ihren 120 Zuchtsauen konnten die Neuners leben. Ihre Kinder haben allerdings kein Interesse, den Betrieb im westlichsten Eck des Landkreises weiter zu führen. Hauptproblem sind die niedrigen Fleischpreise, die natürlich voll auf die Ferkelzüchter durchschlagen. So registrierten die Neuners 2018 den niedrigsten Ferkelpreis seit 2008. "Heuer ist es minimal besser geworden, aber nicht kostendeckend", sagt Friedrich Neuner.

Im Jahr 2000 gab es in Mittelfranken 54 000 Zuchtsauen in 2400 Betrieben. Inzwischen sind es nur noch 26 500 Zuchtsauen in 390 Betrieben. Zahlen, die auch laut Tierarzt Richter für sich sprechen. Nur noch die großen Ferkelzuchtbetriebe bleiben übrig. "Die kleinbäuerliche Struktur löst sich auf", sagt Friedrich Neuner. "Landwirtschaft und Tierhaltung sind bei uns zum Abschuss freigegeben."

Gerlinde Neuner beklagt, dass alles nur noch über den Preis geht. Die Niedrigpreise beim Fleisch sind für sie der Tod der bäuerlichen Landwirtschaft. Tierarzt Richter wird deutlich: "Jeder, der ein Billigprodukt kauft, gibt damit das nächste Billigprodukt in Auftrag."

Die kleineren Ferkelerzeuger werden verdrängt, kleinere Mäster hören auf. Zweimal 200 Ferkel in der Woche könne man verkaufen, einmal 70 nehme niemand ab, sagt Friedrich Neuner. Immer mehr Ferkel kommen inzwischen aus dem Ausland. So wurden 2017 insgesamt schon 10,7 Millionen Ferkel mehr importiert als vor zehn Jahren.

Vom Chefeinkäufer bestätigt

Waren sich die Neuners anfangs noch nicht sicher, ob sie wirklich aufhören sollen, wurden sie in einer Veranstaltung des Deutschen Bauernverbands bestätigt. Vom Chefeinkäufer eines Lebensmittel-Discounters hatten sie das Eingeständnis erwartet, die Bauern jetzt genug getriezt zu haben. Davon war dann jedoch kein Wort zu hören. Für die Neuners stand ihr Entschluss fest.

Neben der Preisproblematik gibt es aber auch noch andere Gründe, die ihnen die Lust an der Landwirtschaft vermiest haben. Man habe heute als Landwirt einen schweren Stand, sagt Gerlinde Neuner.

Unterste Kategorie

"Landwirte werden als unterste Kategorie angesehen", stellt Tierarzt Richter immer wieder fest. Ihnen werden unter anderem Massentierhaltung, Tierquälerei und Profitgier vorgehalten. Obwohl seit 1. Februar wieder Gülle ausgebracht werden darf, gibt es trotzdem Anzeigen. Auf der anderen Seite werden Landwirte ständig kontrolliert, müssen "einer riesigen Dokumentationspflicht" nachkommen.

Laut Tierarzt Richter wird das Problem Tierschutz mit der aktuellen Entwicklung nur ins Ausland verlagert. Ob es dort um das Tierwohl und Kontrollen besser bestellt ist, bezweifelt er.

Die Neuners fragen sich, wo Massentierhaltung anfängt. Ist beispielsweise eine Sau "fressunlustig", macht ihr die Bäuerin mit Äpfeln und Kartoffeln wieder Appetit. Für sie zählt jedes einzelne Tier, in der Massentierhaltung geht es nur um den gesamten Bestand.

Bäuerliche Landwirtschaft ist für Friedrich Neuner, "wenn der Betriebsleiter am Donnerstagabend im Dorf mit am Stammtisch sitzt".

Der Pretzdorfer bedauert, dass sich immer mehr Verbraucher ihre Meinung aus negativen Berichten im Fernsehen bilden, diese verallgemeinern und sich beeinflussen lassen. Der Tiermediziner Richter geht mit den Kritikern ins Gericht: "In der Landwirtschaft spricht jeder mit, aber Ahnung hat keiner."

Kommentar von Andreas Dorsch

Wir sind selbst schuld!

Das beste Argument, mit dem bei uns in Deutschland Lebensmittel an den Mann oder die Frau gebracht werden, ist der Preis. Ob Discounter oder Vollsortimenter, blättert man deren Prospekte durch, knallt einem billig, billig, billig entgegen. Nur die allerwenigsten Kunden stellen sich die Frage, wie zu diesen Preisen qualitativ hochwertige Lebensmittel produziert werden können, die möglichst auch noch aus der Region kommen.

Das Aus des letzten Ferkelzüchters im Kreis Erlangen-Höchstadt zeigt, dass beim Schweinefleisch die Grenze schon überschritten ist. Bürger schreien einerseits nach regionalen Produkten. In der Nähe dürfen diese aber nicht produziert werden. Jeder neue Schweine- oder Rinderstall stößt sofort auf Protest. Landwirte werden als Buhmänner der Nation gegeißelt. Das Fleisch von in der Region gemästeten Schweinen darf natürlich nicht teurer sein als billige Importware.

Wenn wir nicht bereit sind, für Lebensmittel mehr Geld auszugeben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Felder nicht mehr bewirtschaftet werden, unsere Kulturlandschaft stirbt, Fleisch, Obst und Gemüse nur noch aus dem Ausland kommen. Wir Verbraucher haben es in der Hand - tagtäglich an der Ladentheke. a.dorsch@infranken.de