Was verbindet Barack Obama mit Manuel Neuer? Und was hat der Rotary-Club mit Gorbatschow gemeinsam? Die Antwort verblüfft: Jemand hat sie alle auf dem Kieker - äh, nein: auf dem Kicker.

Jener "Jemand" kommt aus Gremsdorf, einer kleinen Gemeinde bei Höchstadt, am Rand der Fränkischen Schweiz. Genau genommen handelt es sich nicht um einen einzelnen Menschen, sondern um eine ganze Gruppe: die "Barmherzigen Brüder". Auf dem Areal der weltweit aktiven Ordensbrüder leben und arbeiten heute in Gremsdorf 280 Frauen und Männer mit einer geistigen und/oder psychischen Behinderung. Unter weltlicher Führung sind sie zum Beispiel in der Benedikt-Menni-Werkstatt tätig, in der berufliche und soziale Integration groß geschrieben wird. Hier haben Behinderte und Nichtbehinderte eine einmalige Idee in die Tat umgesetzt.

Vor 16 Jahren fertigten sie den ersten individuellen Kickertisch an. Mittlerweile sind sie Spezialisten auf dem Gebiet und besetzen eine Marktnische.

"In der Schreinerei war gerade mal ein bisschen Luft. Das heißt, es blieb Zeit, etwas für den Eigenbedarf zu entwickeln", erinnert sich Werkstattleiter Detlev Troll an die Zeit um die Jahrtausendwende. Schon damals arbeiteten einige Fußballfans in der Werkstatt. "Tja, so ist es zum Bau unseres ersten Kickers gekommen."
Seither wird ebenso professionell wie leidenschaftlich gesägt, gehobelt, gefräst, gebohrt, geschliffen und lackiert. Langeweile hat keine Chance, denn: Fußballtisch ist nicht gleich Fußballtisch. "Wir haben unsere Turnier- und Gaudi-Kicker immer weiter entwickelt, optimiert und auf die persönlichen Wünsche der Kunden abgestimmt. Farbe und Größe sind heute frei wählbar", beschreibt Jörg Barth, Chef in der Eigenproduktion, die Entwicklung.

Für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland haben die Mitarbeiter eine exklusive Sonderedition angefertigt: den "längsten Kicker der Welt". 40 Spieler können an dem Tisch mit einer Gesamtlänge von 12,26 Metern zusammen kickern. Dafür gab's sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Weltrekorde. Für die EM heuer haben die Gremsdorfer einen Kicker mit Frankreich-Motiven gebaut.

Den Durchbruch auf dem Markt haben "die Barmherzigen" geschafft, als sie den ersten Kicker mit Original-Unterschriften von Berühmtheiten hergestellt haben. "Wir haben die Autogramme von Putin, Schröder und Gorbatschow verewigt." Auch viele Fußballgrößen haben gern den Edding in die Hand genommen, damit ihr persönlicher Schriftzug einen Kickertisch zieren kann. Franz Beckenbauer etwa, Manuel Neuer und ganze Bundesliga-Teams, darunter auch der FCB und der FCN.

800 Euro aufwärts kostet ein individuell gestaltetes Turnier-Modell aus stark beanspruchbarem Buche-Multiplex-Material und einem Gestell aus stabiler, einheimischer Rotbuche. Sonderwünsche werden je nach Aufwand berechnet.

Ob "Mannschaftskicker" für 22 Spieler oder ein normalgroßer Firmen- und Vereinskicker mit entsprechenden Logos und Bildern: Bei den "Barmherzigen" ist jeder Tisch ein Unikat. Kürzlich haben sie sogar einen Hochzeitskicker erschaffen. "Die Hochzeitsgäste haben die Kickermännchen selbst angemalt", erzählt der 53-jährige Jürgen, der seit über 20 Jahren in Gremsdorf arbeitet. "Das war interessant, was die da alles draufgemalt haben."
Mit besonders viel Eifer haben die "Barmherzigen" auch schon mehrere Rollstuhl-Kicker gebaut - immerhin gibt es auch in Gremsdorf zahlreiche Rollis. "Schau her", sagt Jürgen und deutet auf einen Kicker-Tisch mit viel Beinfreiheit, "da ist genug Platz für die Rollstuhlräder". Werkstattleiter Detlev Troll ergänzt: "Solche Rollstuhl-Kicker sind auch gute medizinische Arbeitsgeräte. Zum Beispiel kann man damit prima die Handmotorik und die Koordination fördern. Und das einfach so im Spiel."

Über 100 Tischfußballspiele werden pro Jahr verkauft. Zehn Menschen mit und ohne Handicap arbeiten im "Kicker-Bau". Reiner zum Beispiel ist für die Endmontage zuständig. Der 39-Jährige schraubt die beweglichen Stangen, an denen die Spielfiguren hängen, passgenau über dem Spielfeld an. Reiner ist ein ruhiger Typ, aber als Jürgen sagt: "Wir haben hier ein super Team, alle helfen zusammen" nickt er eifrig. Jürgen erzählt weiter: "Nach der Morgenrunde machen wir Arbeitseinteilung und dann geht's los. Das macht Spaß!"
Die Werkstatt ist nur ein kleiner Teil des "Dorfes im Dorf", in dem Behinderte und Nicht-Behinderte arbeiten und leben. Viele sind für die Automobil-Zulieferindustrie tätig, fertigen zum Beispiel Wälzlagersegmente an. Die Kicker-Bauer haben sowohl private als auch betriebliche Auftraggeber. Und soziale. Die drei Rotary-Clubs (RC) aus Erlangen sowie der RC Forchheim, RC Höchstadt und RC Herzogenaurach haben sich zusammengetan und 13 Kickertische mit ihrem Logo bestellt. Am 26. Februar laden die Clubs gemeinnützige Vereine und Sportvereine aus ihren Regionen zum großen Kickerturnier in Gremsdorf ein. Die besten Spiel-Gruppen gewinnen die Kickertische und können sie künftig für ihre (Jugend-)Arbeit nutzen. "Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe", findet der erfahrene Rotarier Horst Lindenbeck. "Wir unterstützen gemeinnützige Vereine und die Barmherzigen Brüder."

Detlev Troll und Jörg Barth können solche Firmenphilosophien nur unterstützen. Bei immer mehr Menschen werden psychische und geistige Behinderungen diagnostiziert. Zirka 100 Namen stehen aktuell auf der Warteliste der "Barmherzigen Brüder". 100 Namen, 100 Schicksale. Jörg Barth sagt: "Wir können hier gar nicht genug Arbeitsplätze schaffen."

Infos: www.barmherzige-gremsdorf.de