Berliner oder Herzogenauracher? Digital oder analog? Mailadresse oder Straße mit Hausnummer? Das sind ein paar der Fragen, die sich jeder selbst beantworten muss, wenn er beim Thema Nachbarschaftshilfe in Herzogenaurach zugreifen will. In dieser Woche fanden Herzogenauracher in ihrem Briefkasten einen Werbezettel.
"Hallo liebe Nachbarn in Herzogenaurach" prangt es dort in großen Lettern. Im Folgetext kann der geneigte Leser erfahren, dass die "kostenlose Nachbarschaftsplattform Austausch schneller lokaler Neuigkeiten ermögliche". Die Offerte ist klar: "Bohrmaschine ausleihen oder Babysitter gesucht? Einen Handwerker empfehlen oder jemanden zum Joggen oder Kartenspielen finden - es ist für alle etwas dabei!" Das Verfahren sei recht einfach: Die mitgelieferte Internetadresse eingeben, sich registrieren und loslegen.
Geht bei der Nachbarschaftshilfe des Seniorenbeirates ebenso und viel einfacher, erklärt Werner Zimmermann, Mitverantwortlicher des seit 2017 bestehenden Angebotes in Herzogenaurach. "Sie können bei uns anrufen, Sie können mailen, Sie haben den Zugang über unsere Internetseite www.seniorenbeirat-herzogenaurach.de." Über den Hinweis der "Konkurrenzplattform", dass bereits rund 110 Mitglieder in Herzogenaurach registriert sind, kann Zimmermann nur schmunzeln. "Unser Angebot steht allen Herzogenaurachern jederzeit und sehr unkompliziert zur Verfügung."
Unter dem netten Namen "Herzo Heinzelmännchen" ist die Gruppe engagierter Senioren aus unterschiedlichsten Berufen, die einen Kleinreparaturdienst für ältere und/oder hilfsbedürftige Menschen auf ehrenamtlicher Basis anbieten, unterwegs. "Wenn Sie Hilfe benötigen, wenden Sie sich bitte an das Seniorenbüro, Hintere Gasse 32, Tel. 09132 - 737169", heißt es auf der eigenen Homepage.


Vor- oder Nachteil?

Diese Heinzelmännchen organisieren aber auch einen nicht kommerziellen Zusammenschluss von Privatpersonen, um auf freundschaftlicher und nachbarschaftlicher Basis Fähigkeiten, Kenntnisse und materielle Dinge kostenlos zu tauschen.
Genau an dieser Stelle scheint der Vorteil der neuen Plattform zu liegen. Seit 2013 beschäftigt sich Gründer Christian Vollmann mit dem Thema Nachbarschaft. Er schreibt auf seiner Plattform: "Unsere Motivation, nebenan.de zu gründen, ist der heutzutage häufig stiefmütterliche Umgang mit der eigenen Nachbarschaft. Dabei ist gerade sie es, die Antworten auf die großen gesellschaftlichen Themen wie demografischer Wandel, Anonymisierung der Gesellschaft und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen liefern kann. Nachbarschaften, in denen sich die Anwohner kennen, sind nachweislich sicherer und seltener Tatort von Verbrechen als anonyme Wohngebiete."
Letztlich ist die Plattform eine Mischung aus E-Bay (Verkauf), Facebook (Neuigkeiten und Gespräche) sowie der klassischen Nachbarschaftshilfe. Und wer steckt dahinter? Der Unternehmensgründer Christian Vollmann gründete zusammen mit fünf anderen Personen, darunter sein Bruder Michael Vollmann und Till Behnke, 2015 das soziale Netzwerk nebenan.de zur Stärkung der Nachbarschaft. Das Anfangskapital betrug acht Millionen Euro und stammte ursprünglich von Vollmann und anderen Investoren.
2017 stiegen der deutschlandweit tätige Burda-Verlag und der Risikokapitalgeber Lakestar mit je 17 Prozent ein, in einer Finanzierungsrunde im März 2018 erhielt die Good Hood GmbH 16 Millionen Euro.


Zusammenarbeit wäre möglich

Seit April 2018 sind Behnke und Christian Vollmann Geschäftsführer der Good Hood GmbH, die das Netzwerk betreibt. Bislang ist nebenan.de werbefrei. Es ist jedoch angedacht, etwa ab Ende 2018 durch Werbung für lokale Betriebe Geld zu verdienen.
Die Pressebeauftragte, Hannah Kappes, erklärt zur Frage, ob man Kontakt zu bestehenden Organisationen aufnimmt: "Gezielten Kontakt zu bestehenden Initiativen nehmen wir üblicherweise nicht auf." Aber sie ergänzt: "Wir möchten sehr gerne mit bestehenden Nachbarschaftshilfen an einem Strang ziehen und gemeinsam für starke Nachbarschaften sorgen. Dafür haben wir kürzlich einen neuen Profiltyp eingerichtet." Also: Lokale Vereine und kommunale Akteure haben die Möglichkeit, ein offizielles Profil auf nebenan.de zu errichten."