Es ist eine beträchtliche Zahl, die im Bezirk Mittelfranken vorgewiesen werden kann: 42 Anbieter offerieren das ambulant betreute Wohnen für geistig und/oder körperlich behinderte Menschen. Vier Anbieter mit einer unterschiedlichen Anzahl von Einrichtungen sind im Landkreis Erlangen-Höchstadt aktiv.
Einer der Anbieter ist die Lebenshilfe Erlangen-Höchstadt. In Herzogenaurach gibt es nun aber eine Besonderheit: Mit dem ambulant unterstützen Wohnen, der Koordinierungsstelle Wohnraum und der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung haben drei Dienste unter einem Dach eine Wirkungsstätte gefunden.


Wohnraum hat große Bedeutung

In der sozialpolitischen und konzeptionellen Diskussion um die künftige Entwicklung der Behindertenhilfe kommt dem Bereich der ambulanten Hilfen eine immer größere Bedeutung zu. Trotz des im Sozialgesetzbuch XII formulierten Postulats "ambulant vor stationär" dominieren im Bereich des Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung nach wie vor stationäre Wohnangebote. In Bayern wird ein konsequenter Ausbau ambu-
lanter Wohnangebote durch eine immer noch fehlende einheitliche Kostenträgerzuständigkeit zusätzlich erschwert.
Der Lebenshilfe-Landesverband Bayern hat sich bewusst für den Begriff des ambulant unterstützten Wohnens entschieden (statt ambulant betreutes Wohnen), da der Begriff der Unterstützung die Regiekompetenz des Nutzers betont. Die Unterstützung durch die Mitarbeiter des Dienstes beschränkt sich auf die benötigten und vereinbarten Hilfen und versucht, darüber hinausgehende Eingriffe in die Lebensgestaltung zu vermeiden.
Bei der offiziellen Eröffnung in der Steggasse 15 erklärten die Vertreter der Lebenshilfe, unter anderem Aufsichtsrat Ulrich Wustmann: "Jeder Mensch hat das Grundrecht auf freie Persönlichkeitsentfaltung. Darunter fallen auch individuelle Wohn- und Lebensformen. Das Leben in einer eigenen Wohnung bietet Autonomie, Schutz und Raum für persönliche Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit. Dies muss auch für Menschen mit einer geistigen und/oder körperlichen Behinderung gelten."
Wenn sich nun der Wunsch, die Fertigkeit und die Fähigkeit dazu entwickelt haben in einer eigenen Wohnung zu leben, könne das ambulant unterstützte Wohnen diesen Personenkreis mit einem flexiblen Angebot unterstützen. Der Hilfebedarf kann vorübergehend, für längere Zeit oder auf Dauer bestehen. Die Unterstützung findet in der eigenen (Miet-)Wohnung statt. Hilfen können auch dann in Anspruch genommen werden, wenn man nicht alleine wohnt, z.B. in einer Wohngemeinschaft oder bei den Eltern.
Marcus Neeser führt aus: "Wer in Herzogenaurach Wohnraum sucht, kennt das Problem. Es sind kaum bezahlbare oder gar günstige Mietwohnungen zu finden." Um dem entgegenzuwirken, muss zum einen neuer bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Zum anderen muss aber auch vorhandener leerstehender Wohnraum nutzbar bzw. verfügbar gemacht werden. Zum Zweck einer besseren Vernetzung und der Bereitstellung einer zentralen Anlaufstelle haben die Stadt Herzogenaurach und Lebenshilfe Erlangen-Höchstadt gemeinsam eine Koordinierungsstelle für Wohnraum eingerichtet.
Die Koordinierungsstelle soll eine Anlaufstelle für Menschen sein, die in Herzogenaurach eine barrierefreie Wohnung suchen oder kostengünstigen Wohnraum benötigen. Besonders angesprochen sind Personen, die auf Grund einer oder mehrerer Beeinträchtigungen auf eine geeignete Wohnung/Wohnform angewiesen sind.
Durch die Koordinierungsstelle wird der Zugang zu barrierefreiem Wohnraum verbessert, indem eine Übersicht an sozialem und kostengünstigem Wohnraum geschaffen wird. Die Koordinierungsstelle vernetzt gewinnbringend Wohnungssuchende und Wohnungsanbieter. Sie bietet Beratung oder vermittelt an weiterführende Stellen rund um das Thema Mietwohnungen.
Die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung erfolgt durch das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V. (ZSL). Durch die Kooperation mit der Lebenshilfe Erlangen-Höchstadt ist es möglich, auch in Herzogenaurach tätig zu sein. Die EUTB bietet ergänzende, niederschwellige und kostenlose Beratungsangebote für Menschen mit Behinderung und/oder chronischer oder psychischer Erkrankung und solche, die davon bedroht sind. Auch Angehörige oder Menschen aus dem sozialen Umfeld können sich an die Mitarbeiter des ZSL wenden. Beraten wird, so Vorstand Axel Wisgalla nach dem Konzept des Peer Counseling: "Mitarbeiter mit Behinderung beraten Menschen mit Behinderung oder deren Angehörige, da sie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung einen besonderen Zugang zum Thema Behinderung haben."
Gespannt auf die Durchführung des Projektes ist auch Landrat Alexander Tritthart. Er erklärt die Schwierigkeit im Landkreis: "Der Landkreis kennt im Gegensatz zur kreisfreien Stadt das Amt der Wohnraum Vermittlung nicht." Wobei er ebenfalls hinzufügt, dass ein "Nicht-Vorhandensein einer Aufgabe nicht heißt, dass diese nicht eventuell zu bewältigen ist."
Jetzt werde man erst einmal gespannt auf Herzogenaurach schauen und es dann bewerten. Einfacher sei es, so Tritthart, "wenn ein freier Träger diese Aufgabe übernimmt und wir diesen freiwillig unterstützen".