Also wo hab ich das letzte Mal aufgehört? Ach ja richtig. An dem Wochenende war erstmal unser Schulfest, im Grunde ist es ziemlich ähnlich zu dem zu Hause, nur stecken die Schüler hier weitaus mehr Arbeit hinein.
Am Freitag waren den ganzen Vormittag Tanzvorstellungen, jede Klasse musste einen Tanz vorbereiten. Der wurde dann auf der Bühne vor der ganzen Schule aufgeführt. Den restlichen Tag und Samstag konnte man dann alle Klassenzimmer besuchen und sich anschauen, was die Schüler so vorbereitet hatten. Von Haunted House bis BubbleTea-Verkauf war alles dabei. Und es war richtig toll, weil alle sich so viel Mühe gegeben haben.

Ein, zwei Wochen später war ich dann mit zwei Freundinnen in Shibuya und ich habe noch nie in meinem Leben so unglaublich viele Menschen gesehen, es war der Wahnsinn. Wir sind über die berühmte Kreuzung gelaufen und glücklicherweise nicht zur Rush-Hour, ich bin mir nicht sicher ob wir da heil wieder raus gekommen wären. Tokyo ist einfach so gigantisch. Wir sind aus dem Bahnhof gekommen und man sieht erstmal nur Wolkenkratzer, ziemlich ungewohnt für mich Landei, haha. Und alles ist bunt und überall ist Reklame, es ist unglaublich. Ich weiß nicht wie Leute da leben können.

Das Witzige war, dass man fast genauso viele Ausländer wie Japaner gesehen hat, was nach zwei Monaten nur mit Japanern ziemlich ungewohnt ist und ich dachte mir die ganze Zeit nur "Wow, so viele Ga-jin" (japanisches Wort für Ausländer), bis ich irgendwann realisiert habe "Warte mal, du bist selber Ga-jin".

Tja, gerade mal zwei Monate hier und ich komm mir schon wie ein Japaner vor. In Shibuya waren wir dann auch im Pokemon-Center, wo ich fast mein komplettes Taschengeld gelassen habe, kein guter Schachzug, aber ich habe den Monat auch so überlebt, haha. Man kann auch einiges mit wenig Geld machen.

Ich war vorletztes Wochenende zum Beispiel in Lake Town, das ist mit dem Zug nur etwa zehn Minuten von meinem Haus entfernt und es ist die größte Shoppingmall in Japan. Drei Kilometer lang und das auf drei Stockwerken. Und wenn man kein Geld hat ist es eh viel besser, weil man es dann nicht für unnützes Zeug ausgibt.

Ach was rede ich, Japan ist voll von unnützem Zeug und ich will alles haben. Deswegen haben Jil und ich ausgemacht, wenn wir wieder Geld haben, machen wir Lake Town unsicher. Am besten wir gehen mal nach der Schule oder so hin, an Wochenenden und Feiertagen ist immer so verdammt viel los.


Shoppen an Feiertagen

Ja Feiertage. Hier macht nichts zu, immer geöffnet, sieben Tage die Woche und an Feiertagen erst recht, sonst gehen die Japaner die Barrikaden hoch. Feiertage gibt's übrigens recht oft, mindestens einen im Monat und es hat zwar alles offen aber die Schule ist zu, also echt praktisch diese Feiertage, vor allem weil wir nur insgesamt sieben Wochen Ferien im Jahr haben. Und wenn du in einem Club bist, bist du eigentlich immer in der Schule, vor allem die Sportclubs die trainieren so gut wie jeden Tag.

Freizeit? Was ist das? In ganz seltenen Fällen wie zum Beispiel vor zwei Wochen bekommt man auch mal einen Tag frei, weil draußen ein Taifun tobt, allerdings ist das sehr selten, weil es ist ja nur ein Taifun, interessiert uns nicht, wenn der Wind so stark ist, dass man mehr seitwärts als geradeaus geht und, dass der Regen so heftig ist, dass man die Hand gerade so sieht, ihr kommt trotzdem zur Schule.

Nein, ich übertreibe nicht. Es war so was wie ein Wunder, dass sie uns tatsächlich schulfrei gegeben haben. Glücklicherweise hat der Taifun nur ungefähr einen Tag gedauert, aber es hat ohne Pause geregnet und es war fast gar nicht hell und letzte Woche hatten wir dann nochmal einen Taifun, aber es hat nur in der Nacht geregnet, also war eigentlich bloß der Wind das Schlimme.

Und zwar richtig schlimm, mich hat es auf dem Nach-Hause-Weg zweimal fast umgeweht und ich konnte grade noch so das Gleichgewicht halten. Es ist echt nicht witzig, wenn man einfach nur läuft und auf einmal zieht's dir die Füße mehr oder weniger weg. Und zu Hause war der Wind trotz allem immer noch so stark, dass das Haus gewackelt hat und ich ernsthaft an meiner geistlichen Gesundheit gezweifelt habe.

Es ist einfach so surreal, dass der Wind das Haus zum Wackeln bringt. Erdbeben ja klar, an die hab ich mich schon längst gewöhnt so oft wie wir die hier haben. Schnee von gestern. Aber im Zimmer zu sitzen und auf einmal bewegt sich alles, wegen ein bisschen Wind?! Gruselig.

Wahrscheinlich werd ich mich aber auch an das noch gewöhnen und Taifunsaison ist jetzt eh bald zu Ende. Glücklicherweise wird es auch immer kälter draußen, die japanische Hitze gepaart mit der hohen Luftfeuchtigkeit ist Horror, selbst für jeden Sommerfanatiker. Jetzt bin ich wirklich gespannt wie der Winter hier wird. Ich hoffe ja auf 'ne Menge Schnee. Aber ich lass mich einfach mal überraschen.

Letztes Wochenende war ich mit meiner Okasan (japanisch für Mama) in Asakusa. Das ist eine riesige Tempelanlage in Tokyo und sie ist ziemlich berühmt, also ein Muss für jeden Besucher Japans und auch eine Menge Japaner selber. Im Nachhinein war es vielleicht nicht die beste Idee an einem Samstagnachmittag hinzufahren. Aber es hat viel Spaß gemacht und es ist so wunderschön - trotz all der Menschen, die da rumlaufen.

Das erste was man sieht ist die riesige Laterne und dann die Pagoden und Brunnen und Buddhastatuen und Schreine in denen Weihrauch verbrannt wird. Es ist wunderbar und es spiegelt Japan so herrlich wieder, zumindest die alte, traditionelle Seite und es sieht genauso aus, wie man sich Japan immer vorgestellt hat.

Hier verwirklicht sich die eine Seite des japanischen Stereotyps. Und ein paar Straßen weiter sieht man dann auch schon den Skytree und ist schwupps wieder zurück im schrillen und lauten Japan.

Und schon wieder ein Monat vorbei, unglaublich wie schnell die Zeit vergeht. Manchmal würde ich das alles gerne verlangsamen, aber das geht ja leider nicht und deswegen versuch ich einfach das Beste aus jedem Tag herauszuholen.
Dewa Mata
Bekki