Leonhard Schwandner und Moritz Becker sind eigentlich eine ganz normale WG. Seit März wohnen sie zusammen, teilen sich Trockner und Waschmaschine, sitzen abends öfter mal zusammen und reden. Jeder packt mit an, wenn es rund ums Haus etwas zu tun gibt.

Das Besondere: Die beiden trennen 59 Jahre. Gefunden haben sie sich über das "Wohnen für Hilfe"-Programm der Stadt Erlangen. Leonhard Schwand ner ist seit 13 Jahren verwitwet, seine Kinder wohnen nicht mehr im Haus.

Hilfe ab und zu tut gut

Der 88-Jährige hat also jede Menge Platz. Und obwohl er noch fit ist und sich größtenteils selbst versorgen kann, braucht er manchmal jemanden, der einfach mit anpackt. Nach zwei Herz-Operationen bleibt ihm manchmal die Luft weg, wenn es um schwere Arbeiten geht. "Einkaufen kann ich ja noch selbst, aber es muss mir halt einer die Kästen aus dem Auto ins Haus tragen", erzählt er. Auch beim Rasenmähen oder Straßenkehren braucht er Hilfe.

Helfen statt zahlen

Genau da kommt Moritz Becker ins Spiel. Der 29-Jährige studiert das Fach "Nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien" in Göttingen, schreibt aber gerade bei der Firma Adidas in Herzogenaurach seine Masterarbeit. Bis September hat er sich deswegen bei Schwand ner als Untermieter einquartiert - er bezahlt seine Miete aber nicht mit Geld, sondern mit Arbeit.

Die Faustregel bei "Wohnen für Hilfe": Für einen Quadratmeter Wohnfläche soll eine Stunde im Monat gearbeitet werden. Die Möglichkeiten sind dabei vielfältig, am häufigsten sind aber leichte und schwere Tätigkeiten im Haushalt gefragt. "Ein Großteil unserer Wohnraumanbieter sind Senioren, da die meist über sehr viel ungenutzten Wohnraum verfügen", sagt Ursula Andretzky von der Stadt Erlangen, die "Wohnen für Hilfe" mitorganisiert. Aber auch Familien und Alleinerziehende würden das Angebot häufig in Anspruch nehmen. Hier fallen dann andere Hilfeleistungen an, zum Beispiel Kinderbetreuung, Nachhilfe, Musikunterricht oder Fahrdienste.

Die Stadt Erlangen vermittelt

Um auch wirklich Wohn-Paare zu finden, die zusammen passen, übernimmt die Stadt Erlangen quasi die Aufgaben einer Partner-Vermittlung. Andretzky und ihre Kollegin Gabriela Hesel besuchen die Wohnraum-Anbieter und besichtigen die angebotenen Zimmer. Und wer als Mieter in Frage kommen möchte, muss persönlich bei ihnen vorstellig werden und einen Fragebogen ausfüllen.

Dem Wohnraum-Anbieter werden schließlich mehrere passende Kandidaten vorgeschlagen - er entscheidet dann, wer einziehen darf. In einem Vertrag wird dann genau festgelegt, zu wie viel und zu welcher Arbeit sich der Mieter verpflichtet. Im Gegenzug dafür wohnt er mietfrei und muss nur die Nebenkosten bezahlen.

Vertrauen ist wichtig

Und auch wenn es Knatsch gibt, tritt "Wohnen für Hilfe" als Vermittler auf und sucht das Gespräch mit der jeweiligen Wohnpartei. "Diese Unterstützung wird zum Glück nicht sehr oft benötigt", sagt Andretzky. Wenn es aber doch unüberbrückbare Differenzen gebe, müsse die Wohnpartnerschaft aufgelöst werden.

Das hat auch Leonhard Schwandner schon einmal erlebt. Vor Moritz Becker hatte er einen anderen Untermieter, der aber seinen Verpflichtungen nicht im vereinbarten Maße nachkam. Als er sich auch noch mehrfach ungefragt an den Vorräten des Rentners bediente, half die Stadt ihm dabei, den Mietvertrag aufzulösen.

Über das gute Verhältnis zu seinem neuen Untermieter freut er sich deswegen umso mehr. "Der Moritz ist echt ein Glücksgriff", sagt er mit einem breiten Lächeln, "wir sind einfach auf einer Wellenlänge". Auch Becker beschreibt die Beziehung zu seinem Vermieter als "väterlich".

Die günstige Miete sei außerdem nicht der einzige Vorteil dieses Wohnmodells. Während sich viele Praktikanten, die in Herzogenaurach arbeiten, in Erlangen oder Nürnberg eine Wohngemeinschaft suchen, genießt er die kurzen Wege zu seinem Arbeitgeber.

Ein Duo, das zusammenpasst

Von der Erfahrung und den Ortskenntnissen seines Mitbewohners konnte er außerdem schon oft profitieren. Sollte er nach seinem Praktikum in Herzogenaurach bleiben, würde er gerne weiterhin dort wohnen. Das würde auch Schwandner sehr begrüßen: "Wir geben aufeinander acht. Das passt einfach."