Stephan Mai hat die schrecklichen Ereignisse in Paris hautnah miterlebt. Der bekannte Sportjournalist ist am Montagmorgen daheim in Mainz einfach nur froh, dass das Horror-Wochenende in Frankreich vorbei ist.


Wie haben Sie die Anschläge rund um das Fußballstadion erlebt?

Es hat nach 17 Spielminuten einen Riesenschlag gegeben: Bumm! Das klang nicht nach einem kleinen Böller. Die ganze Tribüne hat gebebt. Fünf Minuten später hörten wir noch einmal das gleiche Geräusch. Diesmal war die Detonation sogar noch näher. Da habe ich mit gedacht: es muss etwas Schlimmes passiert sein. Ein Franzose im Stadion hat mich versucht zu beruhigen und gesagt, das passiere hier öfter.

In der Halbzeitpause haben die Ordner die Zuschauer allerdings nicht mehr von der Tribüne gelassen. Zum Glück hat mein Handy funktioniert und ich einen funktionierenden Zugang zum Internet. Vom Geschehen auf dem Rasen habe ich in der zweiten Halbzeit nichts mehr mitbekommen.


Was ist passiert, nachdem das Spiel vorbei war?

Das Verlassen des Stadions nach Spielschluss war der dramatischste Moment überhaupt. Ich war ja mit einer Gruppe von 33 Menschen dort, die in unserer Sportsendung die Karten für das Freundschaftsspiel gewonnen hatten. Plötzlich ist noch im Stadion eine komplette Massenpanik ausgebrochen. Solche Szenen kann man sich nicht vorstellen. Weil schätzungsweise 90 Prozent der Ausgänge zu waren, sind alle auf einmal wieder ins Stadion gerannt. Dabei hat sich meine Gruppe komplett aufgelöst. Ich wäre beinahe selber über einen kleinen Jungen gestolpert.

Bei so einer Panik bekommt man schnell ein sehr mulmiges Gefühl. Zusätzlich hatte ich ja auch noch die Verantwortung für die Reisegruppe, die bei uns die Fahrt zum Freundschaftsspiel gewonnen hatten. Um kurz vor Mitternacht waren wir dann endlich beim Busparkplatz. Wir mussten mehrere Umwege laufen. Dort wo die drei Selbstmordattentate rund ums Stadion stattgefunden hatten, dort mussten wir im großen Bogen lange Umwege gehen. Nach einer kleinen Odyssee waren wir mitten in der Nacht gegen 1.30 Uhr am Bus. Von 33 Leuten waren 28 da. Die fehlenden fünf Personen haben wir dann zum Glück im Hotel getroffen. Die waren auf eigene Faust mit dem Taxi oder zu Fuß ins Hotel zurückgekehrt.


Wie haben Sie die Nacht und die Rückreise erlebt?

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Ich hab Tom Bartels angerufen, der für die ARD das Spiel kommentiert hatte. Wir kennen uns gut. Ihm ging es zum Glück gut. Dann wollten wir eigentlich gleich sofort zurückfahren. Das ging aber nicht. Die Busfahrer mussten ihre Ruhezeiten einhalten. Ich habe dann die ganze Nacht die Berichterstattung über die Anschläge verfolgt. Insgesamt habe ich keine halbe Stunde geschlafen. Um 10.30 Uhr sind wir dann durch eine menschenleere Stadt gefahren. Keine Metro fuhr.

Am großen Bahnhof Gare du Nord standen 60 Züge still auf den Gleisen. Überall stand das Militär mit Schutzwesten und Maschinenpistolen. Auf der Fahrt waren die Leute einfach erleichtert, endlich auf dem Weg nach Hause zu sein. Mit jedem Kilometer ist die Stimmung besser geworden. An der Grenze sind wir noch einmal kontrolliert worden. Aber die französische Polizei hat uns schnell weiterfahren lassen. Manche haben gesagt, dass sie nie mehr ins Stadion gehen wollen. Ich aber finde, wir dürfen uns von diesen Terroristen nicht die Freiheit nehmen lassen.