Wer je in einer Fabrik der Metallbranche gearbeitet hat, wird erstaunt die Aufgeräumtheit, den dezenten Geräuschpegel, die fast klinische Sauberkeit der Hallen konstatieren, in denen die Peter Brehm GmbH produziert. Wobei das letzte schon auf die richtige Spur führt: Das Weisendorfer Unternehmen fertigt in der Tat hochpräzise Teile, die in der Medizin Verwendung finden, genauer in der Prothetik, noch genauer in der Endoprothetik.
Das ist, laienhaft gesagt, das Ersetzen natürlich gewachsener Körperteile durch künstliche. Und zwar von außen unsichtbar, im Körper ("endo"). Die Firma Brehm liefert solche künstlichen Körperteile, die anstatt Hüft-, Knie- und Kiefergelenk eingesetzt werden. Für die Wirbelsäule gibt es so genannte Fixateure und Platzhalter ("Cages"). Eine Wissenschaft für sich. Dem Besucher schwirrt der Kopf, wenn Geschäftsführer Oliver Brehm (41) - der Sohn des Gründers Peter Brehm, ein weiterer Geschäftsführer ist Marc Michel - über Legierungen und Knochenzement, über Abrieb-Osteoklasten und Entgratungsverfahren referiert. Dabei handelt es sich bei dem Unternehmen, stapelt Brehm tief, im Prinzip um eines der Metallverarbeitung.


Start in der Doppelgarage

Dass am östlichen Ortseingang der mittelfränkischen Gemeinde Weisendorf so stattliche Hallen entstehen würden, hätte Firmengründer Peter Brehm wahrscheinlich nicht zu träumen gewagt. Oder vielleicht doch? Immerhin muss er von zähem Optimismus beseelt worden sein, als er 1981 seine Firma in einer Doppelgarage im Weisendorfer Ortsteil Reinersdorf ins Leben rief. 5000 Mark hatte sich der arbeitslose Werkzeugmachermeister geliehen und gebrauchte Maschinen angeschafft. Ein Quäntchen Glück benötigt auch der Tüchtigste, und dieses Quäntchen trat auf in Gestalt einer Bekannten, einer OP-Schwester, die Kontakte zur Erlanger Universität vermittelte. Bereits zwei Jahre nach der Gründung hatte Brehm in Zusammenarbeit mit der Universität eine zementfreie Hüftprothese aus Titan entwickelt ("Erlanger Modell"). Man muss sich vergegenwärtigen, dass sich der heute 62-jährige Werkzeugmacher auf komplett fremdes Terrain wagte, Vorlesungen besuchte, lernte, Röntgenbilder zu interpretieren. In den folgenden Jahren explodierte das Unternehmen nicht, wuchs jedoch kontinuierlich, was heute noch laut Oliver Brehm Kern der Firmenphilosophie ist: "gesundes Wachstum und finanziell unabhängig bleiben". So wurden in den 1980er Jahren diverse Endoprothesen entwickelt, 1990 zog man um nach Weisendorf, 1994 hatte man 35 Mitarbeiter (heute 165), Tochtergesellschaften in Österreich, der Schweiz und Japan wurden gegründet, 2014 erhielt die GmbH den Bayerischen Innovationspreis. Heute arbeitet die 1985 gegründete GmbH unter dem Dach einer Familienstiftung und exportiert in 25 Länder.
Was sich wie ein unaufhaltsamer Aufstieg anhört, ist so einfach nicht, vor allem nicht, in einem umkämpften Markt zu bestehen. Das ist, so Oliver Brehm, nur möglich, "weil wir sehr stark auf eine Nische fokussiert sind". Das bedeutet, die GmbH hat sich vornehmlich auf die sogenannte Revisionsendoprothetik spezialisiert. Denn z. B. das erste künstliche Hüftgelenk kann aus verschiedenen Gründen verschlissen sein und muss ersetzt werden. Dann implantiert man die hochwertigeren Teile aus Weisendorf, in der Regel aus dem Edelmetall Titan, aber auch ein Keramikknie wird entwickelt, "am Markt mit das Spannendste", so Brehm. Geplant werden die Teile von Maschinenbauingenieuren und Medizintechnikern sowie interdisziplinär besetzten Arbeitsgemeinschaften mit zwölf klinischen Partnern, gebaut von Werkzeugmechanikern an modernen Maschinen, erprobt in einem aufwändigen Prozess, der etwa künstliche Kniegelenke millionenfach belastet. (Schon Treppensteigen belastet das Knie eines 80-Kilo-Mannes mit 800 Kilo, Springen noch viel mehr. Sehr viele Läsionen der natürlichen Gelenke entstehen durch Hochleistungssport.) Freiwillig trägt keiner solch ein Produkt, scherzt Brehm, ist aber froh darum, wenn er es braucht. Die Nähe zum Anwender ist eines der Geheimnisse des Geschäftserfolgs. So bietet das Unternehmen Beratung und Unterstützung im OP-Saal. Eine orthopädische Operation kann bis zu acht Stunden dauern und ist Handwerk. Apropos: Die für solche Operationen nötigen Spezialinstrumente fertigt die Peter Brehm GmbH ebenfalls.
Versteht sich, dass in diesem Geschäftsfeld auf den Tausendstelmillimeter genau gearbeitet werden muss. Schmiede- und Gussrohlinge kommen aus Frankreich und England, kurzfristig kann jedes Produkt qua Paket- und Kurierdienst geliefert werden. Eine Schraube für die Wirbelsäule mit einem kleinen, unscheinbaren Loch forderte zwei Jahre Entwicklungsarbeit, spiralförmige Prothesen erwiesen sich als nicht stabil genug. Qualitätsprüfung wird ganz groß geschrieben, bestrahlt werden die fertigen Produkte in Weisendorf, endsterilisiert von einem Dienstleister. Oliver Brehm schaut zuversichtlich in die Zukunft: "Die Demografie arbeitet für uns."