Noch blickt Stefan Ritter optimistisch in die Zukunft. Oder sollte es besser heißen: wieder. Mit seiner knallroten Eon-Jacke und Schutzhelm steht der Produktionsleiter neben der riesigen Bildschirmwand in der Leitstelle des Kraftwerks Franken I in Nürnberg. Ein einzelner Mitarbeiter sitzt vor einem der PCs, der Rest der Plätze ist unbesetzt. Viel zu überwachen und zu regulieren scheint es derzeit nicht zu geben. Von der Seite fallen durch Fenster die Strahlen der Herbstsonne in den Raum.

"Um die Mittagszeit verdrängt uns zunehmend die Photovoltaik", sagt Stefan Ritter. Die Folge sind immer kürzere Einsatzzeiten für Franken I. "Dadurch sinkt unsere Wirtschaftlichkeit. Schließlich sind wir mit Gas an der sehr teuren Spitze der Stromerzeugungspyramide." Die Situation des Nürnberger Kraftwerks ist beispielhaft für eine ganze Reihe von Gaskraftwerken in Süddeutschland: Es ist hochflexibel, seine Leistung von 843 Megawatt ist beachtlich. Doch die Zeiten, in denen es Strom verkauft, werden immer kürzer.

Lücken der Erneuerbaren füllen


Noch vor wenigen Monaten sah es für Franken I düster aus. Da geisterte die Meldung durch die Medien, Eon plane das Nürnberger Kraftwerk zu schließen. Davon will man in der Düsseldorfer Konzernzentrale mittlerweile nichts mehr wissen. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, dass es derzeit "keine Beschlüsse zur Stilllegung von Gaskraftwerken in Deutschland" gebe. Allerdings sei "die Wirtschaftlichkeit einiger älterer Eon-Gaskraftwerke gefährdet". Auf politischer Ebene hat das Thema derzeit höchste Priorität. Konkret geht es um eine Reihe von hochflexiblen Gaskraftwerken, die als systemrelevant eingestuft werden. Der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie schreitet unaufhaltsam voran. Bereits 2011 steigerte Bayern deren Anteil an der Stromerzeugung auf über 30 Prozent und liegt damit über dem Soll.

Aber die Erneuerbaren unterliegen starken Schwankungen: Windstille, die Dunkelheit der Nacht oder ein bewölkter Himmel machen den alternativen Energieformen regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Dann liegt es vor allem an den flexiblen Gaskraftwerken, diese Lücken zu schließen. Der Bayerische Umweltminister Marcel Huber (CSU) sieht den stockenden Ausbau von Reservekapazitäten derzeit sogar als "das dringlichste Problem". Nun sei der Bund gefordert, "Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Reservekapazitäten in Süddeutschland schnellstmöglich errichtet werden können".

Drohpotenzial der Betreiber


Immerhin haben die deutschen Kraftwerksbetreiber mittlerweile eine "Selbstverpflichtung zum Weiterbetrieb" angeboten, erwarten im Gegenzug nun aber eine bessere Vergütung. Seit Monaten verhandeln deshalb Bundesnetzagentur und Kraftwerksbetreiber über die Konditionen. Das Wort "systemrelevant" sagt dabei viel über die Position der Stromkonzerne aus: Ihr Drohpotenzial ist enorm, beispielsweise mit dem Satz: "Wir schalten ab."

Ein solches Szenario will sich in der Politik niemand ausmalen. Engpässe in der Stromversorgung mit dem Risiko eines Blackouts sollen in jedem Fall vermieden werden, um die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung nicht zu gefährden. Die Bundesregierung will eine Stilllegung notfalls per Gesetz verbieten, selbst wenn sich der Betrieb für die Betreiber nicht mehr rechnet. Das Bereithalten einer strategischen Reserve aus Gaskraftwerken soll die Netzstabilität auch in den Wintermonaten garantieren, wenn der Energieverbrauch steigt und die Produktion von Ökostrom sinkt.

Kosten tragen die Verbraucher


Und die Kosten? Die "dürfen nicht den betroffenen Kraftwerksbetreibern angelastet werden", sagt Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). "Die Kosten müssen wie die Förderung der erneuerbaren Energien sozialisiert werden." Im Klartext bedeutet das: Für den unrentablen Betrieb der Gaskraftwerke zahlt der Verbraucher mit seiner Stromrechnung. "Daran führt kein Weg vorbei."

Auf dem Areal von Franken I scheint derweil die Zeit stillzustehen. In den Maschinen- und Turbinenräumen herrscht eine seltsame Ruhe, selten trifft man einen Mitarbeiter an. Am vergangenen Montag war das Kraftwerk mal wieder am Netz. Für eine knappe Dreiviertelstunde. Technisch gesehen sei man noch "auf dem modernsten Stand für die nächsten Jahre", sagt Stefan Ritter. Er spielt damit auf die Gasturbine an, die innerhalb von sechs Minuten hochfahren und Strom ins Netz einspeisen kann. Ideal zur Deckung von Spitzenlasten.

Doch alleine im letzten Jahr stand Block 2 des Kraftwerks an 273 Tagen still, Block 1 sogar an 316 Tagen. Dass jetzt der Sommer überstanden ist, dürfte die Mitarbeiter von Franken I wieder zuversichtlicher stimmen. "Auch in der Bevölkerung sagt hier niemand, reißt das Ding ab", sagt Ritter. Er lacht. "Außerdem habe ich vor, noch die nächsten 20 Jahre hier zu arbeiten."