Fünf Zeilen im Polizeibericht lassen das dramatische Geschehen hinter der sachlichen Darstellung erahnen. Ein Busfahrer ist vor einer Woche nachts an der Haltestelle Eltersdorf in Erlangen von einem wieder in den inzwischen leeren Bus eingestiegenen Fahrgast mit einem Messer attackiert worden. Der Täter entkam mit der Geldkassette. Noch ist der Täter flüchtig. Der Fahrer konnte den Notruf drücken.

"Körperlich geht es ihm gut. Aber es dauert, bis er das überwunden hat - und er ist kein ängstlicher Busfahrer", sagt Daniela Singer, die Geschäftsführerin von Schmetterling-Reisen in Obertrubach, Landkreis Forchheim. Ihre Busse sind für den öffentlichen Liniendienst für die VAG in Erlangen eingesetzt. Ihr ging es nicht gut, als sie unverzüglich nach der Attacke von dem Vorfall erfuhr.


Unsicherheit bei den Kollegen

Zehn Kilometer Luftlinie von Eltersdorf entfernt, in Baiersdorf, sitzt der Eckentaler Stefan Hebekerl zu diesem Zeitpunkt hinter seinem Lenkrad im Schmetterling-Bus. Von der Attacke auf den Kollegen ahnt er noch nichts - doch schnell verbreitet sich die Nachricht. Ebenso die Unsicherheit. "Manch einer hat sich für die nächste Fahrt ein Pfefferspray besorgt", weiß Hebekerl. Denn Pöbeleien, vor allem durch Betrunkene, Vandalismus und Aggressionen, häufen sich. Auch Handgreiflichkeiten gegenüber den Busfahrern. "Es ist schon feststellbar, dass die Hemmschwelle immer mehr sinkt und die Übergriffe massiver werden", bestätigt VAG Pressesprecherin Elisabeth Seitzinger. Der Vorfall in Erlangen gehöre aber zu den wenigen heftigen Attacken.


Staat in der Fürsorgepflicht

Auch Rainer Seebauer, Pressesprecher der Polizei Mittelfranken, kann Raubüberfälle dieser Art nicht weiter bestätigen. Ein sinnloser Überfall, da kein Geld in den Kassetten ist. Laufend wird abgerechnet. Und doch ein Angriff mit neuer Dimension. "In Berlin sind die Busfahrer durch eine Scheibe von den Kunden getrennt - aber geschützt. Nicht schuss-, aber angriffssicher", weiß Hebekerl, der den Staat in der Fürsorgepflicht sieht. Auch er und einige Kollegen wünschen sich mehr Schutz. Er fürchtet jedoch, dass sich nicht viel ändert, sind doch die Angriffe letztendlich immer "Einzelfälle".

Allerdings kennt er zur Genüge, was sich Busfahrer häufig bieten lassen müssen: Dem einen wird ins Gesicht gespuckt, wenn er den Fahrgast auf eine ungültige Fahrkarte hinweist, einem anderen wird eine leere Bierflasche über den Kopf geschlagen, wenn er Vandalismus nicht duldet. Erst kürzlich wurden in einem Bus der Firma Schmetterling wieder Sitze aufgeschlitzt.


Datenschutz wichtiger als Sicherheit?

Es ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, meint die Chefin des Busunternehmens. Busunternehmen seien Dienstleister, die nicht geschätzt würden. Kurzfristige Sicherheitsmaßnahmen hat sie selbst ergriffen. Nennen wird sie diese nicht. Handeln, wie sie gerne würde, darf sie jedoch nicht. Ihre Busse waren alle standardmäßig mit Überwachungskameras ausgestattet. "Die mussten wir herausbauen, da sich ein Fahrgast beschwert hat. Er sah sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt", erzählt Singer. Der Datenschutz wiege offensichtlich mehr. Vor Kurzem kam sie aus Amerika zurück. Mit fünf bis sechs Kameras seien die Busse dort ausgestattet. Solche Überwachungskameras gibt es auch bei uns in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus. In Straßen- und U-Bahnen, wie die VAG-Pressesprecherin informiert. Die Kameras sind direkt mit der Leitstelle oder der Polizei verbunden und senden permanent Bilder. Wird der Notruf gedrückt, stoppt das Bild.

Und im Bus? Seitzinger bezweifelt, dass das umsetzbar ist. Die Messerattacke war Thema der erst kürzlich stattgefundenen Betriebsversammlung. "Eine Lösung haben wir nicht im Köcher." Aber: "Der Busfahrer verkauft Tickets und hat deshalb nunmal Kontakt", sagt Setzinger.


Lösungen nicht praktikabel

Hier fragt Stefan Hebekerl, warum man die Karten nicht zum Beispiel vor dem Einsteigen an einem Automaten lösen lassen könnte. Zudem sieht die Geschäftsführerin des Busunternehmens Schmetterling keine Probleme, Schutzkäfige in ihre Busse einzubauen. Das jedoch sei nicht erlaubt. Was passiert außerdem, wenn ein Fahrgast mit dem Messer angegriffen werde? "Dann ist der Fahrer geschützt, doch was ist mit dem Fahrgast?", geht Singer mögliche Szenarien durch.

Auch die Busfahrer und die VAG haben diese Gedankenspiele - und beantworten sie ähnlich. Für den Busbereich wären die genannten Vorschläge erheblich aufwendiger und komplexer, als in U- und S-Bahn. "Eine Straßenbahn hält 30 bis 40 Jahre, ein Bus ist nach zwölf Jahren außer Dienst", sagt Seitzinger. Schulungen sollen die Busfahrer nun noch besser auf aggressive Situationen vorbereiten. Lieber den Rückzug antreten als auf Konfrontation gehen. Bei der Messerattacke in Eltersdorf hätte nichts so schnell geholfen. Der Täter hat das Messer fix gezückt, weiß Seitzinger. Fest steht für alle, dass es ein geplanter Raubüberfall gewesen sein muss und der Täter eine Tötung in Kauf genommen hat.

Schluss mit dem Datenschutz und mehr Sicherheit wünschen sich daher Stefan Hebekerl und einige seiner Kollegen.