"Die Frau schweige in der Gemeinde", schreibt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther. "Würde man das eins zu eins auf heute anwenden, dürfte ich hier nicht stehen", sagt Michaela Wüst. "Aber damals war das eben so richtig." Die Bibeltexte müssten aus Sicht der Zeit gesehen werden, in der sie geschrieben wurden. Dem Prediger obliege es, das Wissen und den heutigen Kenntnisstand "in das Wort mit hineinzunehmen", erklärt die 41-Jährige.
Die Weingartsgreutherin wird am kommenden Sonntag durch den Bamberger Dekan Hans-Martin Lechner als Prädikantin beauftragt. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer darf Michaela Wüst dann die Predigt selbst verfassen, die Abendmahlsfeier selbständig leiten und das Abendmahl einsetzen.


Der Gemeinde immer verbunden

Michaela Wüst stammt aus Warmersdorf, ist also ein "Kind der Gemeinde". Sie hat eine Ausbildung zur Frisörin, den Beruf aber nach der Geburt ihrer Kinder nicht mehr ausgeübt. Dass sie vor dieser Gemeinde einmal stehen und predigen würde, daran hat sie als Jugendliche sicher nicht gedacht.
Die Verbundenheit mit der Gemeinde sei allerdings immer schon da gewesen, sagt sie. Jahrelang hat sie Kindergottesdienste gestaltet. Irgendwann habe sie gespürt, dass sie einen Schritt weitergehen möchte. "Das wurde mir ins Herz gelegt", ist sie sich heute sicher. Als die Kinder größer wurden, sah sie die Zeit gekommen, sich neuen Aufgaben zuzuwenden. Diese Zeit wollte sie in den Dienst der Gemeinde stellen. Lange zu überlegen brauchte sie nicht.
Allerdings musste - "damit es funktioniert" - der Schritt mit der Familie, ihrem Ehemann und den heute 13- und 16-jährigen Kindern abgeklärt werden. Vor zwei Jahren hat sie dann mit der Lektorenausbildung begonnen. Eine Ausbildung zur Prädikantin schloss sich danach an. Prädikantin ist übrigens ein Ehrenamt, eine Bezahlung gibt es dafür nicht. Nach einer langen Pause fing sie auch wieder neu im Posaunenchor an.
Wenn sie am Sonntag mit der Gemeinde Abendmahl feiert, ist das für Michaela Wüst "eine absolute Premiere". "Trockenübungen" habe es während der Ausbildung zwar gegeben, aber "die Sakramentsverwaltung", also die Einsetzung und Leitung des Abendmahls, sei vor dem offiziellen Auftrag nicht möglich. Prädikantin ist sie vor allem für die Kirchengemeinden Mühlhausen und Weingartsgreuth. Sie kann ihr Amt aber auch im gesamten Bamberger Dekanatsbezirk ausüben, und der ist sehr groß.
Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich so tief in den geschichtlichen Hintergrund einarbeitet, kann die Vorbereitung ihrer Predigt durchaus zwei Wochen in Anspruch nehmen. Dabei ist sie getragen von dem Vertrauen, "dass man das nicht aus sich selbst, sondern als Werkzeug Gottes tut". In der Vorbereitung schaut sie sich die für den Tag vorgegebene Schriftstelle an und fragt sich, was der Text für die heutige Zeit bedeutet. "Die Worte müssen wirken, bis man zu dem findet, was einem wichtig ist."


Mithilfe des Heiligen Geistes

Michaela Wüst versteht sich als Dienerin der Gemeinde, um das Wort Gottes auszulegen. Sie weiß aber auch: "Um die Menschen erreichen zu können, braucht es nicht nur meine Person, sondern die Wirkung des Heiligen Geistes."
Zur öffentlichen Wortverkündigung beauftragt, ist die Prädikantin ganz frei in ihrer Predigt. Die Texte müssen zuvor von niemandem gelesen werden. Michaela Wüst freut sich schon, für die Gemeinde da zu sein. Sie lädt die Gemeindemitglieder beider Pfarreien ganz herzlich zum Gottesdienst am Sonntag, 17. Juli, um 9.30 Uhr in die Schlosskirche Weingartsgreuth ein. Im Anschluss daran wird es einen Sektempfang geben.