Das Bild vom Traumjob ist längst zerstört. Zehn Jahre im Trainergeschäft haben Lothar Matthäus sämtlicher Illusionen beraubt. "Der Trainer ist eine arme Sau. Eigentlich muss er das höchste Gehalt des gesamten Kaders bekommen", sagt Matthäus im Interview der Nachrichtenagentur dpa nachdenklich. "Es kann nicht sein, dass ein Spieler, der zwei Stunden trainiert am Tag, mehr verdient als ein Trainer, der von morgens bis abends über Fußball nachdenken muss, immer in der Verantwortung steht und auf dem Schleudersitz sitzt, der als erstes explodiert."

Matthäus weiß, wovon er spricht. Nach seiner aktiven Karriere hat der Rekord-Nationalspieler als Trainer in Österreich, Ungarn, Serbien, Brasilien, Israel und Bulgarien gearbeitet. Nur in seiner Heimat kam er nie zum Zug. Mittlerweile hat er seinen Frieden mit dieser für ihn unbefriedigenden Tatsache gemacht. "Mein Lebensglück und meine Zufriedenheit hängen nicht davon ab, ob ich mal in Deutschland als Trainer gearbeitet habe."
Die Sehnsucht, seine Fähigkeiten im deutschen Profifußball unter Beweis stellen zu können, ist jedoch geblieben. "Ich bin ein Kind der Bundesliga. Für mich wäre es also eine große Herausforderung. Vielleicht klappt es ja über kurz oder lang", erklärt der 51-Jährige.

Obwohl er seit seiner Entlassung als Nationalcoach Bulgariens Ende 2011 ohne Trainerjob dasteht, will er nicht jedes x-beliebige Angebot annehmen. Als die Rede auf ein mögliches Engagement bei einem unterklassigen Verein kommt, funkeln seine Augen angriffslustig. "Die Frage irritiert mich und ist für mich leicht beleidigend. Ich habe als Trainer Champions League gespielt und drei Meisterschaften gewonnen. Ich werde nicht in der 3. oder 4. Liga anfangen", stellt er klar. Matthäus, derzeit als TV-Experte tätig, kennt seinen Marktwert.

Angebote habe es in den vergangenen Jahren einige gegeben, berichtet er in seiner Autobiografie "Ganz oder gar nicht". 2003 war Eintracht Frankfurt interessiert, 2007 der 1. FC Nürnberg. Beide Male probten die Fans erfolgreich den Aufstand gegen eine Verpflichtung. Kein Wunder, dass Matthäus kritisiert: "Die Fans haben zu viel Einfluss. Das hat es früher nicht gegeben, dass sie bestimmen, wer als Trainer zu einem Verein kommen darf und wer nicht."

Kein Verständnis hat Matthäus auch für die Trainer-Wechselspiele bei den Clubs. "Wenn ein Trainer einen Verein verlässt, dann sollte man ihn in der gleichen Saison nicht mehr in der Bundesliga trainieren lassen. Ich weiß nicht, warum der DFB das zulässt. Das sollte man versuchen, zu unterbinden", erklärt der frühere Bundesligaprofi von Borussia Mönchengladbach und Bayern München.

Kritisch setzt sich Matthäus zudem mit Fehlentwicklungen wie der zunehmenden Verschuldung in den ausländischen Top-Ligen und der "Schmiergeldkultur" bei Spielertransfers auseinander. Und auch die privaten Niederlagen, zu denen Matthäus seine vier gescheiterten Ehen zählt, schildert er ausführlich. "Ich weiß, dass ich Ecken und Kanten habe und Fehler im Leben gemacht habe, wie jeder andere auch. Dazu stehe ich", sagt Matthäus und räumt mit verblüffender Offenheit ein: "Ab und zu denke ich zu wenig nach und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Da ist das Herz stärker als das Gehirn."