Eigentlich hatte Dora Jung gar keine Zeit für ein Gespräch. "Ich muss gleich zum Friseur", erklärte die 105 Jahre alte Dame - die älteste Bürgerin Höchstadts. Eine rüstige Seniorin, die zwar im Rollstuhl sitzt, aber immer noch interessiert an ihrer Umwelt ist.
Sechs Jahre wohnt sie nun schon im BRK-Altenheim "Wohnen und Leben" in Etzelskirchen und ist recht zufrieden. "Ich fühle mich nicht mehr so gut wie mit 100 Jahren, bin auch etwas schwach geworden. Die Knochen und Gelenke wollen nicht mehr so richtig und hören tu ich auch nicht mehr alles", verrät Dora Jung.
Sie nimmt es, wie es kommt und ist immer zufrieden mit ihrem Schicksal. Auch in ihrem hohen Alter genießt sie zum Mittagessen und zur Abendmahlzeit einen Schluck Rotwein. Natürlich sieht sie nicht mehr so gut. "Das Lesen und Fernsehen geht schlecht." Ihre Gesprächspartner müssen sehr laut reden, damit sie alles versteht.
Alle 14 Tage am Freitag hat sie einen Friseurtermin im Haus. Die Seniorin achtet immer noch sehr auf ihr Äußeres. Sie strahlt Zufriedenheit und Gelassenheit aus. Auf die Frage, wie man so alt wird, antwortet sie bescheiden: "Ich hab immer genügsam gelebt."
Nur ganz wenigen Senioren ist es vergönnt, dem hohen Alter entsprechend noch geistig und körperlich rege zu sein. "Der Name spricht für Qualität - forever young!", meinte Bürgermeister Gerald Brehm (JL) schmunzelnd bei ihrem letzten Geburtstag.
Geboren wurde die Seniorin in Bautzen in Sachsen. "Mein Vater war Beamter bei der Reichsbahn und ich bin die einzige Tochter gewesen", erinnert sich Dora Jung. In Bautzen besuchte sie nach der Volksschule ein Mädchenpensionat und dort hat sie das Nähen gelernt. Zuhause half sie anschließend im Haushalt und bald lernte sie ihren zukünftigen Mann, ebenfalls Beamter bei der Reichsbahn, kennen.
"Wir sind uns oft in der Nachbarschaft begegnet und es war eigentlich Liebe auf den zweiten Blick", erzählt sie. "Wir hatten halt ne lange Leitung", fügt sie schmunzelnd an. Im März 1938 läuteten dann die Hochzeitsglocken in Bautzen. Anfang der 1940er Jahre zog das junge Paar nach Sebnitz an der Elbe. 1942 wurde ihr einziger Sohn Peter geboren. Ein langes Glück war der jungen Familie nicht beschieden, denn Ehemann Horst ist 1945 an der Front gefallen. "Er war nicht bei der Reichswehr, musste aber am Ende des Krieges leider zur Verstärkung noch ausrücken", erinnert sie sich mit Wehmut.
Geheiratet hat sie nie mehr. "Ich liebe meinen Mann auch heute noch", erklärt sie. "Zwei Jahre nach dem Tod meines Mannes bin ich mit meinem Sohn wieder zurück zu meinen Eltern nach Bautzen." Von 1950 bis Anfang der 70er Jahre arbeitete sie dort in einer Firma als Sachbearbeiterin.
Sohn Peter hat 1968 geheiratet, und als die Grenze geöffnet wurde, zog er mit seiner Frau in den Westen. "Er hatte eine Arbeit bei Siemens in Erlangen gefunden und ich bin zehn Jahre später nachgekommen." Im Jahr 2000 zog sie dann ins betreute Wohnen in der Großen Bauerngasse, das es inzwischen nicht mehr gibt.
Was ihr an ihrem doch recht ruhig gewordenen Leben gefällt, erklärt sie gerne: "Man sucht sich die Perlen raus." Sie hat viel Freude an der Natur, besonders an den Blumen. Oft wird sie auch von ihren Betreuern im Rollstuhl spazieren gefahren. Das genießt sie. Auch der Sohn mit Frau, Enkel und Urenkel haben Oma Dora nicht vergessen. "Meine Schwiegertochter kommt zwei Mal die Woche und meine Enkeltochter besucht mich jeden Sonntag." Das macht sie stolz und glücklich.
"Das Essen ist mir nicht mehr so wichtig", erklärt sie. Aber dass Trinken gesund ist, weiß sie genau. "Ich lebe ziemlich still, lasse mich nur zum Essen in den Speisesaal schieben und sonst bleibe ich auf meinem Zimmer und schaue gern zum Fenster raus", sagt sie mit leiser Stimme. Man müsse in ihrem Alter viele Abstriche machen, aber ins Bett geht sie nur abends zum Schlafen. "Ich bin froh, wenn ich noch raus kann."
Im Heim findet sie sich gut aufgehoben, und allein in ihrem Zimmer hängt sie gerne schönen Erinnerungen nach, der kurzen, aber erfüllten Ehezeit, der Zeit mit ihrem Sohn, den sie quasi alleine großgezogen hat, aber auch an ihre Enkel und Urenkel denkt sie oft und gerne.
"Ich habe keine Zukunft mehr. Was soll ich noch erhoffen?", erklärt sie pragmatisch. Einen einzigen Wunsch hat sie noch: "Ich will mich gut von der Welt verabschieden!"