Bei der Kolpingsfamilie referierte Manfred Welker zu Pfarrer Franz Rathgeber und der katholischen Kirche im Dritten Reich. Vor allem die katholische Landbevölkerung war das andere Deutschland. Bis auf wenige Ausnahmen teilten besonders gläubige Katholiken das Gedankengut der Nationalsozialisten nicht, ja sie zeigten sich resistent gegen die Ideologie des Führerstaates. Sie gaben Adolf Hitler und der NSDAP in den freien Wahlen nicht ihre Stimme.

Stadtpfarrer Franz Rathgeber, der vom 1. Dezember 1930 bis zum 1. Oktober 1942 als Stadtpfarrer in Herzogenaurach wirkte, hatte bereits 1932 einen ersten Strauß mit den Nationalsozialisten auszufechten. Der NSDAP-Reichstagsabgeordnete Hans Wolkersdörfer warf bei einer Versammlung katholischen Geistlichen den Missbrauch des Beichtstuhls vor. Der beschuldigte Expositus Engelbert Kreuzer konnte mit Beweismitteln die Verleumdung aber widerlegen.

Im Herzogenauracher Tagblatt vom 21. April 1932 lancierte Rathgeber einen Artikel, in dem er ausführte, dass die NSDAP-Ortsgruppe Herzogenaurach "...in unverantwortlicher Skrupellosigkeit einen völlig ungerechten Vorwurf gegen Priester und Beichte unterstützt und in allen hiesigen Familien verbreitet und somit heilige Interessen von Kirche und Seelsorge schwer geschädigt hat".

In der Reichstagswahl vom 5. März 1933 konnten die Nationalsozialisten in Herzogenaurach trotz eines Stimmenzuwachses nach der Bayerischen Volkspartei (BVP) und der SPD nur den dritten Rang erreichen. Dennoch usurpierten sie auch in Herzogenaurach die Macht. An Versuchen, den unbequemen Stadtpfarrer Franz Rathgeber loszuwerden, mangelte es nicht. So soll ihm ein Paket ins Pfarrhaus geschickt worden sein, dessen Annahme er aber verweigerte. Darin war Propagandamaterial gegen die NSDAP. Im Fall der Annahme hätten die Nationalsozialisten eine Handhabe gegen Rathgeber gehabt. Außerdem wurde seine Post und sein Telefon überwacht.

Auch die Kapläne gerieten frühzeitig in das Visier der braunen Machthaber. Am 18. Juni 1933 kamen der Ortsgruppenleiter, der Bürgermeister, der Führer des Jungvolks und der HJ in Uniform in den Pfarrhof und warfen Kaplan Johann Herrmann vor, er sei zu Familien in die Wohnungen gegangen, um Angehörige der HJ zum Austritt und Übertritt in den katholischen Jugendverein zu bewegen. Um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen, wurde Kaplan Herrmann zum 1. August 1933 nach Eggolsheim versetzt.

Die Seelsorge in der Pfarrei war verstärkt auf das Engagement der Laien angewiesen. Sie, vor allem die Frauen, sammelten Unterschriften für "ihre" Ordensschwestern, nahmen aber auch demonstrativ an der Fronleichnamsprozession teil. Einerseits versuchten die Machthaber mit allen Mitteln, die Maria-Ward-Schwestern aus dem öffentlichen Leben hinauszudrängen. Andererseits brauchte man sie und ihren Kindergarten. Denn mit Fortdauer des Krieges wurden immer mehr Frauen in den Fabriken dienstverpflichtet. Die Zahl der betreuten Kinder im Kindergarten steigerte sich von 100 im Jahr 1936 auf 250 im Jahr 1944.


Unerfüllte Hoffnung

Das Fronleichnamsfest ist überhaupt ein wichtiger Gradmesser für das Verhältnis von Kirche und Staat. Vom Aufruf zur Teilnahme über das Verbot der Teilnahme für NSDAP-Mitglieder, vom Verbot, Fahnen zu tragen, bis zum Verbot der Abhaltung am Donnerstag und Verlegung auf den Sonntag in der Oktav reichte das Spektrum. Bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1939 ist sogar zu beobachten, dass die Klientel der SPD und der KPD bewusst daran teilnahm. Die Kirche, die Pfarreien vor Ort, waren die letzte Institution, unter deren Dach sich Kritiker der braunen Machthaber noch versammeln konnten. Allerdings haben sich die Herzogenauracher zu sehr auf sich konzentriert. Es gab keinen Reaktionen, als Kommunisten, Sozialisten, BVP-Politiker und auch Kaplan Herrman verhaftet wurden. Auch die Auswirkung der Reichspogromnacht, die in Herzogenaurach nur begrenzte Auswirkungen hatte, rief keinen Protest hervor. Ihre Hoffnung, dass der braune Spuk glimpflich enden würde, erfüllte sich leider nicht.