Reifen quietschen, die "Schnauze" des Zehntonners neigt sich zur Fahrbahn, das Fahrzeug kommt zum Stehen. Nur ein Training - Gott sei Dank - auf dem Fahrsicherheitsgelände des ADAC in Schlüsselfeld. Dahin hatten der KUVB (die Unfallversicherung der Kommunen) und die Gewerkschaft Verdi die Stadt Marktredwitz eingeladen. Mit sechs Fahrzeugen des städtischen Bauhofs war ein gutes Dutzend Mitarbeiter der oberpfälzischen Stadt in das nordbayerische ADAC-Zentrum im Steigerwald gekommen. Zum Auftakt des Winterdienstes kam dieses "Dankeschön" für die Teilnahme an einer Studie, an der sich bayernweit sechs Kommunen beteiligt hatten, gerade recht.
"Nein, nicht wirklich", antworten - wie aus einem Mund - die Männer vom Bauhof auf die Frage, ob sie eine derartige Erfahrung schon einmal machen mussten. Die Situation nämlich, mit ihrem Bauhoffahrzeug eine Vollbremsung hinlegen zu müssen. Vorstellen können sie sich das aber durchaus: Dass ein Fußgänger vor dem Fahrzeug über die Straße läuft, oder dass ihnen ein anderes Fahrzeug die Vorfahrt nimmt.
"Sie sollen aus ihren Erfahrungen im Alltag berichten", sagt Andreas Klaus, der das Sicherheitstraining leitet. Er will die Erfahrungen aus der Praxis in das Trainingsprogramm einbauen. "Die Jungs sind mit viel Technik unterwegs", sagt Christian Rennie, der für die Weiterbildung von Berufs- und Nutzfahrzeugfahrern verantwortliche ADAC-Mitarbeiter. Auf noch ungeräumten Straßen wäre der Winterdienst mitunter mit Verkehrsteilnehmern konfrontiert, die "etwas aufdringlich reagieren". Auf Autobahnen werde der Winterdienst häufig sogar als Verkehrshindernis gesehen. Rennie sieht das Training als "Feintuning, um vorhandene Kenntnisse hervorzuholen und zu schärfen".
Andreas Klaus stellt für die schweren Fahrzeuge mit Hütchen "eine Gasse" auf. "Ihr bremst mal bis auf Null runter", gibt er Anweisung. Wie sich das bei einer Geschwindigkeit von "nur" 40 Stundenkilometern "anfühlt", wie es einen in die Sitze "pritscht", können wir im Kleinbus von Christian Rennie selbst erfahren. Um wie viel stärker muss der Effekt beim großen Winterdienstfahrzeug, noch dazu mit Salz beladen, sein?
Nach einigen, anfangs eher zaghaften Versuchen trauen sich die Fahrzeuglenker zunehmend mehr, "in die Eisen zu steigen", sobald Klaus per Funk das Kommando "Stopp" gibt. Genau so ist das auch beabsichtigt. Es gelte, Hemmungen abzubauen, sich selbst zu erleben. "Der Lernfaktor spielt eine ganz wichtige Rolle", sagt auch Rennie. Nicht umsonst hat Klaus jedem Fahrzeuglenker einen Beifahrer als "Beobachter" an die Seite gesetzt. Sie sollen registrieren: Was macht das Auto, tritt der Fahrer ganz nach unten durch, muss er mit dem Lenkrad korrigieren und - nicht zuletzt - welche Reaktionen sind beim Fahrer selbst festzustellen. All dies wurde in Nachbesprechungen "aufgearbeitet". Später wurde noch auf der überfluteten Fahrbahn trainiert.
Doch schon bevor der Fahrer den Motor startet, gibt es einiges zu überdenken. Jedes Großfahrzeug hat in Bezug auf die Sicht einen "toten Bereich", den es nach Möglichkeit auszuschalten gilt. Denn nur dann kann ein unmittelbar vor dem Fahrzeug liegendes Hindernis wahrgenommen werden. Für die Fahrzeugführer heißt das, vor der Fahrt die Spiegel zu kontrollieren, einzustellen und den toten Winkel auszuloten. Andreas Klaus weiß aus Erfahrung, wie das im Alltag so läuft: "Das sind Automatismen, keiner denkt darüber noch groß nach." Er demonstriert, wie mit Hilfe des vorne am Fahrzeug angebrachten Spiegels der tote Bereich nahezu komplett einzusehen ist.
"Wir stehen ständig in Kontakt mit den kommunalen Bauhöfen", sagt Rennie. Er weiß auch, dass sie gerne mehr Sicherheitstraining hätten, was jedoch zumeist am Geld scheitere. Der ADAC sei ein Verein und müsse schauen, dass die Finanzen stimmen. Derzeit sei schwerpunktmäßig "der Blaulichtbereich", also Feuerwehren und Rettungsdienst, mit dem Training am Zug.