Man darf nicht lügen. Deshalb zickt der Arzt mich am Telefon lieber unverschämt an, statt meine Frage zu beantworten: Werden Privatpatienten in Ihrer Praxis bevorzugt? Was soll der Mediziner darauf schon sagen, ohne dass ihm in der Woche danach alle Kassenpatienten davonlaufen, weil er sie öffentlich in die zweite Klasse seiner Patientenkartei diskrediert hat. Nur, keine Antwort ist bekanntlich auch eine Antwort.

Eine Antwort, die - wenn wir mal ehrlich sind - jeder in der Realität schon einmal miterlebt hat. Zum Beispiel im Wartezimmer: Wenn fünf verschiedene Namen vor dem eigenen aufgerufen werden, obwohl die bevorzugten Herrschaften noch nicht einmal Zeit hatten, den Klatsch-und-Tratsch-Zeitungsstapel zu begutachten, während man selbst schon beim 35. Magazin angekommen ist.

Zehn Minuten mit Bekannten über das Thema sinnieren zeigt: Beobachtungen hat jeder schon gemacht. Der eine hält lieber still, weil er selbst gerne vornehmlich an dem wartenden Volk vorbeigewunken wird. Der andere legt es nicht darauf an, es sich mit seinem langjährigen Doktor vor Ort zu verscherzen, bevor er am Ende gar keinen Termin mehr bekommt.

Solange in Deutschland jeder rechtzeitig medizinisch versorgt wird und es nicht um unterlassene Hilfeleistung geht, würde ich sagen: Schade um jedes graue Haar, das der Frust wegen zwei Wochen länger warten aus dem Schopfe treibt. Brisanz bekommt die Geschichte erst dadurch, dass die Wenigsten - mich eingeschlossen - das Versicherungssystem verstehen und sich schon vor der Untersuchung ungerecht behandelt fühlen.

An diesem Punkt kommt der nette Herr Doktor am Telefon ins Spiel: Sagen Sie doch, wenn ich einen Vorteil als Privatpatient habe!? Dann könnte ich mir überlegen, ob ich es mir leisten will und kann, in dieses System zu wechseln.