Alle, wirklich alle, wissen es besser. "Du kannst Deinem Kind doch kein Ritalin geben! Das ist eine Droge! Du bist kein verantwortungsvoller Vater!" Alle wissen es besser. Aber keiner hat je gesehen, wenn ein Kind, das Ritalin nimmt, aus der Schule kommt und seine erste "3" präsentiert. Keine deprimierende "5", keine vernichtende "6". Weil sich das Kind, weil sich mein Kind, endlich konzentrieren konnte.

Nein, ich bin kein Freund von Ritalin, ich bin aber ein verzweifelter Vater, der zusammen mit der Mutter meiner beiden AD(H)S betroffenen Kinder das Beste für diese will. Können Sie sich vorstellen, wie es ist in der Schule zu sitzen, um gesagt zu bekommen: "Ihr Kind ist unschulbar!"? Ein aufgeweckter Achtjähriger, der mühelos die Dinosaurier dieser und der vergangenen Welt aufzählt, aber kein Mengenverständnis hat.

Ein quirliger Junge, der gerne singt und durch die Gegend tobt, aber bei der Groß- und Kleinschreibung bereits scheitert. Ein sportlicher Knabe, der viele Freunde hat, die ihn alle schätzen und mögen, weil er so ein typischer Bub ist, aber zu schüchtern ist, wenn es darum geht einen Satz laut und optimal fehlerfrei vorzulesen. Das wollen Sie sich nicht vorstellen!

Selbst als Papa scheitert man regelmäßig daran, die Krankheit AD(H)S so zu akzeptieren wie sie halt ist. Ich habe immer das Gefühl, Ausreden parat haben zu müssen, um auf Vorwürfe und Anleitungen zur besseren Erziehung reagieren zu können. "Du musst einfach strenger sein!", "Du musst ihm halt mehr Druck machen!"... Ich antworte schon sehr lakonisch: "Ich weiß, alles schon probiert..." Selbst von Ärzten habe ich schon gehört: "Ich weiß echt nicht mehr weiter." Ich auch nicht.

Ich stelle mir aber immer öfter die Frage: "Warum bin ich so hinterher, dass alles verändert werden muss?" Können meine Kinder nicht entspannt aufwachsen und ihren eigenen Lebensrhythmus entwickeln? Muss ich sie in die gesellschaftlichen Korsetts der heutigen Zeit zwängen? Vor allem, wenn ich aus medizinischer Sicht weiß, dass die meisten mit AD(H)S beschlagenen Kinder die typischen Symptome in der Pubertät verlieren - , dass sie dann ganz normal aufwachsen?

Es ist schwierig. Meine Familie lebt nun mal in einer Gesellschaft, die sich offensichtlich mit einem Verständnis gegenüber dieser Problematik sehr schwer tut.

Es sollte eigentlich irrelevant sein, denn letztlich zählt nur eines: Dass meine Frau und ich unsere Kinder lieben. Trotz, nein, vielleicht besser: Wegen AD(H)S.