Eines ist sicher, die Datierung auf der Tafel am Seel- und Siechenhaus am Herzogenauracher Kirchenplatz ist schon seit 20 Jahren nicht mehr aktuell. 1994 hatte Hans Tisje aus Neu-Isenburg dendrochronologische Untersuchungen an vier Gebäuden in Herzogenaurach vorgenommen, darunter auch am Seel- und Siechenhaus. Im Dachgeschoss wurden vier Bohrproben entnommen und ausgewertet. Die Dachsparren waren alle aus Tannenholz. Es ergab sich, dass drei davon an der Jahreswende 1456/57 gefällt wurden. Damit ist das Haus deutlich älter als angenommen, denn bis zu dieser Untersuchung stammte die älteste Erwähnung des Gebäudes von 1488.

Und noch eine zweite Tatsache wird beim Blick in die Geschichtsbücher klar - eigentlich sind es zwei Gebäude an der Ecke Kirchenplatz/Engelgasse, die erst später unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst wurden.

Beim Seel- und Siechenhaus am Kirchenplatz von Herzogenaurach handelt es sich um ein eingeschossiges Giebelhaus. Der Eingang befindet sich in der Giebelmitte. Der vorkragende Giebel ist mit einem Halbwalm und einer Firstöffnung versehen.

Ein "Pilgrimshaus"

Bereits der Heimatforscher Bernhard Dietz (1897-1933) konnte den Namen des Urhebers für das Seel- und Siechenhaus nicht herausfinden. Darin sollten wie andernorts auch, wo derartige Häuser als "Pilgrimshaus" tituliert wurden, durchreisende, bedürftige Wanderer über Nacht beherbergt, gespeist und bei Erkrankung auch gepflegt werden. Ein "Seelfräulein", das sich um die Belange der Reisenden kümmerte, wurde von der Stadt angestellt.

Da das ursprüngliche Stiftungskapital gering war, konnte die gestellte Aufgabe bereits im 16. Jahrhundert nicht mehr erfüllt werden. Der Stiftungszweck wurde geändert und die Stadtväter widmeten die Herberge in ein Armenhaus um, in dem ursprünglich vier bedürftige Frauen eine holz- und lichtfreie Wohnung erhielten. Ihren Unterhalt durften sie in der Stadt durch Almosensammeln suchen.

Luitpold Maier (1887-1967) hat bei der Lektüre in den Akten der Stadt noch Weiteres herausgefunden. Zuständig für das Gebäude waren das Spitalamt oder dessen jeweiliger Pfleger. In das Seel- und Siechhaus wurden in erster Linie Bürger oder Bürgerskinder aufgenommen. So im Jahr 1615 Hans Groß, Torwart unterm Stegtor, samt seinem Weib wegen Alters und Unvermögenheit. Im Februar 1618 brachte man ein zweijähriges Findelkind in das Seelhaus. Die Stadt setzte wöchentlich zehn Kreuzer zum Unterhalt ein.

Unterhalt durch Almosen

Die Tochter von Hans Daubmann sollte im April 1615 die Herberge in einem Bett um das gewöhnliche Schlafgeld im Siechhaus haben, aber ihre "Unterhaltung ufn Land außer der Stadt suchen", wie die Akten vermerken. Dagegen durfte die alte Bierknöcklin, die 1619 ins Siechhaus aufgenommen wurde, alle drei Wochen Almosen in der Stadt sammeln.

Von 1619 bis 1622 erschien in den Ratsprotokollen wiederholt die Aufforderung, die "Siechkunigund" möge doch ihre Hühner im Siechhaus abschaffen, sonst müsse sie mit ihrer persönlichen "Abschaffung" rechnen. Dem Ansinnen war offensichtlich kein Erfolg beschieden, denn am 19. Juni 1622 wird der Kundel untersagt, ihre Geiß und ihre Hühner tagsüber aus dem Siechhaus zu lassen.

Die Stiftung war aber ursprünglich solvent, am 19. Januar 1725 erhielt der Bürger und Maurer Hans Kohlberger aus dem Stiftungskapital eine Anleihe von 30 Gulden ausbezahlt. Für 1764 finden sich in einem Häuserverzeichnis die Einnahmen aufgelistet. Aus dem Stiftungsgrund wurden ein Pfund und siebeneinhalb Pfennig aus dem Waldbesitz, ein Pfund und siebeneinhalb Pfennig aus dem Wiesenbesitz und aus Fischrechten, wohl an der Aurach, ebenfalls ein Pfund und siebeneinhalb Pfennig erzielt.
Bei der Nummerierung der ganzen Stadt im ersten Kataster erhielt das Anwesen die alte Hausnummer 168. Das in der Engelgasse gelegene Hinterhaus wurde mit der Hausnummer 172 geführt und zahlte vier Pfund Zins an Michaeli an das Gotteshaus. Die Bauzeit ist nicht bekannt, dürfte aber ähnlich wie die des Vorderhauses sein.

Für 184 Gulden gekauft

Am 18. Juni 1752 meldet Hans Adam Kaufmann von Niederndorf bei der Stadt, dass er das Haus dem Hans Konrad Neubauer um 184 Gulden abgekauft habe. Allerdings starb er bereits 1754, wie aus den Ratsprotokollen zu entnehmen ist. Die Witwe verehelichte sich mit Hans Veit Kohlberger. Auf dem Haus lasteten noch Schulden in Höhe von 150 Gulden. Ihr Häuslein sei aber nach Gerichtsschätzung nicht mehr als 200 Gulden wert, und sie hätten noch ihr neun Monate altes Knäblein zu ernähren, bringt die Frau vor.

Am 16. September 1762 ist durch den Bürgermeister und den Rat der Stadt Herzogenaurach das an das Seelhaus stoßende Anwesen des Zimmerergesellen Veit Kohlberger "zu besserer Verpflegung und Unterhaltung der armen, notleidenden Personen ... für 275 Gulden rheinisch erkauft worden".

Eine umfassende Renovierung erfolgte letztmals in den 1930er-Jahren unter dem damaligen Stadtbaumeister Hans Motzer. Das Fachwerk wurde freigelegt und die zwei Gebäude mit einem gemeinsamen Dach versehen. Bis zum Leerstand diente das Gebäude den Hausmeistern der Städtischen Käthe-Zang-Sing- und Musikschule als Dienstwohnung.