Ein Überlandbus rattert über die Schotterpiste. Durch eine weite, baumlose Landschaft. Mal ist links oder rechts ein Schaf oder ein Pony zu sehen, sonst keine Spur von Menschen. Im Bus sitzt mit anderen Fahrgästen ein Paar, das Rucksäcke und Zelt mit sich führt: Wolfgang von Brackel und seine Frau Gisela befinden sich auf einer 14-tägigen Rundtour durch Island.
Der Biologe mit dem Spezialgebiet Moose und Flechten will dort in der unberührten Natur forschen. Durch seine Naturschutzarbeit hier in Bayern fand er zu seinem Fachgebiet. "Die wertvollsten Biotope sind reich an Flechten und Moosen. Man darf die Winzlinge nicht außer Acht lassen", sagt er.
Sein exaktes Forschungsgebiet sind Flechtenparasiten. Das sind Pilze, die auf Flechten leben und von ihnen Nahrung abzapfen. Dabei sind Flechten selber Lebensgemeinschaften von Pilzen und Algen. "Die Algen sind dabei eher die Sklaven, die den Pilzen durch Photosynthese lebensnotwendigen Zucker liefern."


Er fand 70 neue Pilze

Im Laufe seiner Forschungstätigkeit, die 2014 in eine Doktorarbeit mündete, hat von Brackel knapp 20 solcher Flechtenparasiten in Bayern neu beschrieben. "Ich wollte sie auch in ihrem natürlichen Lebensraum studieren. Deshalb reiste ich nach Island", erklärt er.
Island ist für Biologen nahezu ideal. Denn die Insel im Nordatlantik ist etwas größer als Bayern, hat aber anstelle von zwölf Millionen Einwohnern nur rund 300 000, die noch dazu überwiegend um die Hauptstadt Reykjavik leben: "Alles andere ist menschenleere Landschaft." Es gibt keinerlei Einflüsse von Industrieabgasen oder von Dünge- und Spritzmitteln aus der Landwirtschaft.
Für sein Gebiet der Moose und Flechten kommt noch hinzu, dass es in Island relativ wenig höhere Pflanzen gibt. Die geringe Sonneneinstrahlung macht ihnen größere Schwierigkeiten. Und da es nur wenig, meist niedrigen Baumwuchs gibt, haben die Moose und Flechten dadurch wenig Konkurrenz. Das weitgehend vulkanische Gestein tut ein Übriges dazu, um Island nahezu zu einem Forscherparadies zu machen. Das erkennt man an von Brackels Ausbeute: Er hat in zwei Wochen bei seinen Stichproben in verschiedenen Landesteilen an die 70 Arten von Pilzen gefunden. Bei einem Großteil von ihnen war wohl nicht einmal bekannt, dass sie in Island vorkommen. Zwei Arten wurden von ihm neu beschrieben - man kann auch sagen: Er hat sie entdeckt.
Mit Lupe und Kamera in der Hand robbt sich von Brackel durch das Gelände. Ziemlich anstrengend, vor allem bei rauem Untergrund. Aber Krusten-flechten sind nur Millimeter groß. Die Rentierflechten schaffen schon mal den Dezimeterbereich, erklärt er. Diese Pflanze kenne man auch bei uns: das harte weißliche "Moos", das man gerne für Grabschmuck oder im Modellbau verwendet. Manche sagen dazu Isländisch Moos.
Es gibt aber auch Halspastillen mit einem schleimlösenden Wirkstoff, der aus Isländisch Moos gewonnen wird. "Das ist wieder eine andere Flechte, die in Island gar nicht so häufig vorkommt", versucht von Brackel Licht in die Namensverwirrung zu bringen.
Eine Belohnung außerhalb der Wissenschaft gibt es dennoch: die beeindruckende Landschaft und die in kargem Gebiet so auffallenden Blumen. Nur ihrer Schönheit wegen hat sie Gisela von Brackel immer wieder fotografiert.
Leuchtend purpurrosa sind die Blüten der subpolaren Art des Weidenröschens. Wie es aus dem dunklen Gestein leuchtet, da kann man nachvollziehen, dass es die Isländer zu ihrer Nationalpflanze erkoren haben.
Besondere Mahlzeiten am Abend am Zelt lieferte dem Ehepaar auch die isländische Natur. Beim Suchen und Laufen durchs Gelände fanden sie jede Mange essbarer Pilze. "Manche Birkenpilze waren größer als die Zwergbirke daneben, mit der sie in einer Symbiose leben", erinnert von Brackel sich.
Zur Abrundung seiner Doktorarbeit forschte von Brackel auch auf Sizilien. Die große italienische Insel liegt 30 Breitengrade südlicher als Island. "Das Ergebnis dort war aber erstaunlicherweise gar nicht so verschieden", erklärt er.