Wie viel Schulden er momentan habe, will Richter Wolfgang Gallasch wissen. Keine, so die Antwort des Angeklagten. Ganz war Gallasch nicht einverstanden: "Naja, mindestens 120 000 Euro würde ich sagen." Ein kurzes Lachen entfährt dem Angeklagten, der später noch bemerken musste, dass der Richter keineswegs zum Scherzen aufgelegt ist.

Am Schluss der gestrigen Verhandlung steht für Kai S. (Name von der Redaktion geändert) ein Urteil von drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe wegen Betrugs und Urkundenfälschung in dutzenden Fällen. Staatsanwältin Monika Memmel hatte bei der Verlesung der Anklage die mühsame Aufgabe, alle Einzelfälle aufzulisten, in denen der ehemalige Rathausmitarbeiter betrogen hat.

Die Latte an dienstlichen Einkäufen, die der IT-Systemadministrator für sich abgezweigt hat, ist lang. Sie beginnt im Jahr 2010 und umfasst vor allem Artikel der Multimedia-Welt: ein HD-Camcorder für 500 Euro, LCD-Projektor für 1600 Euro, Notebook für 1300 Euro, wertvolle Smartphones, etliche Fernseher, darunter ein 3D-Modell. Insgesamt 194 einzelne Bestellungen im Wert von 129 000 Euro.


Ein BMW auf Stadtkosten

Den Hammer liest die Staatsanwältin für den 27. Februar 2013 vor: Ein BMW im Wert von mehr als 17 000 Euro. "Es war so simpel", sagt der Angeklagte, der seine Taten gestanden hatte, als die Stadt ihn im letzten Herbst angezeigt hat. "Es war wie in einem Sog", sagt der 35-Jährige. Er habe mehrfach geplant, mit den Betrügereien aufzuhören, es aber einfach nicht geschafft. Kai S. spricht von einem "Suchtfaktor".

Was Kai S., seit 2003 IT-Systembetreuer bei der Stadt, für die Betrügereien brauchte, war ein Paypal-Zugang und die Kenntnis, wie man Rechnungen fälscht. Paypal ist ein System zum Bezahlen im Internet. Die Stadt Höchstadt ist dort kein Mitglied, weshalb Kai S. für alle Anschaffungen seinen privaten Zugang verwendete und die Rechnungen bei der Stadtkasse einreichte, die ihm das Geld zurück überwies.

Soweit ist dies auch geschehen. Nur, dass auf den Rechnungen kein BMW, kein Kühlschrank und kein Wärmepumpentrockner stand, sondern Gerät, das für die städtische IT plausibel erschien. Für die Verwaltung war es also schwer, dem Betrug auf die Schliche zu kommen.

Was er mit den ganzen Sachen gemacht habe, will der Richter wissen. Man hört Zweifel, dass Kai S. nichts davon weiter verkauft hat. "So viel Zimmer kann man gar nicht haben, wie Sie Fernseher gekauft haben." Er habe die Sachen "ganz gut privat gebrauchen können", sagt Kai S., der "wahnsinnig Angst" gehabt habe, aufzufliegen. Seine Ehefrau will nichts bemerkt haben. Als man bei der Stadt aufgrund eines Buchungsfehlers aufmerksam geworden war, sei er nervlich zusammen gebrochen. "Es tut mir leid. Ich würde den Schaden gerne wieder gut machen", sagt Kai S., der bisher 10 000 Euro an die Stadt zurückgezahlt hat. Klaus Schulz, einer der beiden Schöffen, befragte Klaus S. zum BMW. Dieser sei inzwischen verkauft worden, erwiderte Klaus S. Für 13 000 Euro.


Der Richter fühlt sich erpresst

Als es um das Strafmaß geht, rückt die Rückzahlung der 129 000 Euro ins Zentrum. Schon zwei Monate nach der Kündigung bei der Stadt habe er schon wieder einen Job gefunden, sagt Kai S. fast stolz. Wieder als Systemadministrator. Sein Arbeitgeber wisse allerdings nichts von dem Prozess. Verteidiger Hans-Peter Bretting weißt darauf hin, dass sein Mandant eine mündliche Zusage für einen Kredit habe. "Ob er den Kredit kriegt, hängt vom Ausgang dieses Prozesses ab." Der Versuch, das Gericht von der geforderten Bewährung zu überzeugen, weil sonst eine Rückzahlung nicht möglich sei, ging schief. "So funktioniert das nicht", sagt Richter Gallasch. "Weil sich das Gericht erpresst fühlt."

Staatsanwältin Memmel forderte in ihrem Plädoyer eine dreieinhalbjährige Haftstrafe, der das Gericht anschließend folgte. Sie habe auch Punkte zugunsten des Angeklagten gefunden. So etwa sein Geständnis, dass er keine Vorstrafen hat, sowie seine Reue und sein Interesse an Wiedergutmachung. Memmel attestiert dem Angeklagten in einem "besonders schweren Fall" eine "hohe kriminelle Energie".

"Das wurde nicht nur nebenbei gemacht. Er hat das Vertrauen ausgenutzt." Des weiteren sei nicht auszuschließen, dass es nicht weiter gegangen wäre, hätte man ihn nicht ertappt. Man habe es seinem Mandanten extrem leicht gemacht, sagt Verteidiger Bretting. "Es ist nie überprüft worden, was gekauft wurde. Ich sehe keine kriminelle Energie." Dieser Hinweis lief beim Richter allerdings ins Leere, der schließlich Kai S. verwehrte, mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen. Kai S. hat nun eine Woche Zeit, Berufung gegen das Urteil einzulegen.


Stadt will schnell Geld sehen

Bürgermeister Gerald Brehm (JL) will versuchen, so viel Geld wie möglich zurück zu bekommen. Sein Mitleid halte sich in Grenzen. "Sicher wünscht man niemandem eine Haftstrafe. Andererseits wäre angesichts der kriminellen Energie und der Nachhaltigkeit eine Bewährung bedenklich." Das Vertrauen in seine Mitarbeiter habe er weiterhin. Was man in der Verwaltung ändern könne, wolle man nun mit dem Kommunalen Prüfungsverband abklären, so Brehm. "Wir werden sicher Erfahrungen daraus ziehen."