Welches Kind oder Jugendliche kann schon einem verstaubten Karton auf dem elterlichen Dachboden widerstehen? Ein solches Behältnis weckte auch die Neugier des heute 23-jährigen New Yorkers William Maier. Der Lehrer für Geschichte fand in dem "vergessenen" Karton einen Teil seiner Vergangenheit, nämlich die seines Urgroßvaters Anton Maier aus einem Ort namens "Herzogenaurach", wie er dem Reisepass von 1923 entnehmen konnte.

Die vergilbten Fotos und schriftlichen Unterlagen ließen den jungen Amerikaner keine Ruhe und er begann mit seinen Nachforschungen. "Das war eine Detektivarbeit" erzählte er in Herzogenaurach von seinen Bemühungen. Herzogenaurach zu finden war nicht schwer, aber er wollte mehr über seinen Urgroßvater wissen und wandte sich ans Stadtarchiv. Leiterin Irene Lederer fand im zwar im Archiv sehr viel, konnte und durfte aber wegen des Datenschutzes nicht alles weitergeben.

Lederer wandte sich deshalb an die Presse und in dieser Zeitung erschien ein Artikel mit der Bitte, dass sich doch Nachfahren und Verwandte von Anton Maier melden sollten.

Nun fand die Suche ein Happy End und es meldeten sich zwei Familien und Nachfahren des Anton Maier und dessen Familie. Natürlich wurden umgehend Kontakte geknüpft - was im Zeitalter der digitalen Technik kein Problem mehr darstellt. Fotos und Unterlagen wurden nach New York und Herzogenaurach geschickt.

Laut Passagierliste des Norddeutschen Lloyd buchte der damals 20-jährige und ledige Landarbeiter Anton Maier am 28. April 1923 in Bremen die Kajüte Nr. 42 der "Seydlitz", mit dem Ziel New York (Brooklyn) und mit ihm weitere 735 Passagiere. Wie der junge Amerikaner in der Turmstube des "Türmersturms" erzählte, wurde im Elternhaus wenig über die Vergangenheit oder Vorfahren erzählt. Inzwischen weiß er aber auch warum. Die Eltern des Anton Maier starben sehr früh und die vier Kinder kamen ins Waisenhaus, das heutigen Liebfrauenhaus.

"He did not talk about"

Wie Irene Lederer herausfand, war Anton erst drei Jahre alt, als seine Mutter Anna Maria im Alter von 38 Jahren starb, nur ein Jahr später stirbt auch sein Vater Georg Felix. Den vier Geschwistern wurde zwar ein Vormund zur Seite gestellt, dieser war mit der Aufgabe überfordert, da er sich selbst um eine mehrköpfige Familie kümmern musste.

Aber es sollte noch schlimmer kommen: Im Liebfrauenhaus wurde ein Lazarett eingerichtet, die vier Geschwister wurden ausquartiert und getrennt. "Ich kann jetzt verstehen, warum mein Urgroßvater mit seinem früheren Leben abgeschlossen hatte und nichts von Deutschland erzählen wollte ("he did not talk about"). William Maier hat auch herausgefunden, dass die älteste Schwester seines Ur-Opas, Margarethe, 1911 ein Schiff in die neue Welt bestieg.

Sein Urgroßvater heiratete 1925 die deutschstämmige Elsie Speidel und verbrachte sein restliches Leben in New York, arbeitete als Metzger und später in einem Stahlwerk. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Anton Maier nochmal und starb im Alter von 90 Jahren in Queens.

Die Herzogenaurach "Nachkommen" des Anton Maier haben ihren "neuen Verwandten" sofort in ihr Herz geschlossen und er wird zwar wenige Souvenirs aus der Aurachtadt mitnehmen, dafür aber jede Menge Fotos und Unterlagen.

Ein ausgiebiger Stadtrundgang, Fahrten nach Rothenburg, Nürnberg und Bamberg durften nicht fehlen. Außerdem war es dem Amerikaner wichtig, Bekannte in München und Stuttgart besuchen. William Maier bedankte sich bei Irene Lederer, dem FT und all denen, die ihn bei seiner Suche unterstützten. Aus dem zusammengetragenen Wissen entstand auch ein Buch, das Maier mit dem neuen Wissen ergänzen will, und seiner Familie sowie den Verwandten zugänglich machen will.

Denn inzwischen ist auch in Herzogenaurach das "Fieber" ausgebrochen und es wird intensiv in der Vergangenheit geforscht. Immerhin gibt es inzwischen Belege, Einträge und Urkunden, die bis ins Jahr 1729 zurückreichen.

Fleißig und bescheiden

Wie William Maier von seinem Großvater Carl Hempe erfuhr, war sein Urgroßvater ein bescheidener und fleißiger Mensch. Er erzählte seinem Enkel aber auch, dass Anton Maier nicht an seine alte Heimat erinnert werden wollte und deshalb seine "Vergangenheit" auf dem Dachboden verstaute.