Das Blaulicht kündigt es an: Es ist etwas passiert. Schon ist die Aufmerksam geweckt, die ersten Gaffer stellen sich ein. Katastrophen ziehen offensichtlich magisch an. Es ist ein menschliches Phänomen. Oft auch ein störendes, unerträgliches Problem.

"Natürlich haben wir regelmäßig Probleme mit Gaffern", sagt Wolfgang Glotz, Kommandant der Höchstadter Feuerwehr. Deren Tätigkeitsschwerpunkt ist die Autobahn. "Die Leute ziehen ihre Tablets und Handys raus, fotografieren und filmen", erzählt Glotz über die Autofahrer auf der Gegenseite. Sie fahren langsamer, möchten alles bildlich festhalten. Vor allem Lkw-Fahrer, die höher sitzen und die tragischen Ereignisse besser fotografieren können, weiß Jürgen Hörrlein, Kommandant der Adelsdorfer Wehr. Auf der Gegenfahrbahn kommt es zum Stau und damit auch dort zu erhöhter Unfallgefahr.


Freie Bahn ist echte Hilfe

Manche Verhaltensweisen werden immer dreister. Wolfgang Glotz erinnert sich an einen Unfall auf der Autobahn. "Ein Fahrer auf der Gegenfahrbahn ist stehengeblieben und hat uns gefragt, was da passiert ist", sagt Glotz. Mit "Erster Hilfe" hat das Verhalten nichts mehr zu tun.

"Wir haben die meiste Hilfe, wenn wir freie Bahn haben", betont Glotz. Das ist nicht nur auf der Autobahn wichtig, denn freie Bahn brauchen die Rettungsfahrzeuge, um an die Unfallstelle zu kommen. Doch auch hier gibt es dreistes Benehmen, so mancher Autofahrer hängt sich an die Polizei oder den Sanitätswagen, um schneller am Unfallort vorbeizukommen oder dem Stau zu entwischen. Eine Ahndung von solchen Rechtsverstößen ist in der Praxis aber nicht immer möglich. Die Polizei hat bei Unfällen wichtigeres zu tun, so Jürgen Schmeißer, Leiter der Polizeiinspektion Höchstadt Aisch.

Als Verkehrsteilnehmer müsse man beim Ertönen des Martinshorns den Einsatz- und Rettungsfahrzeugen freie Bahn ermöglichen. Ein Verstoß koste 20 Euro. Es würde sich beißen, wenn die Polizei dem Autofahrer folgen würde, der dagegen verstoßen hätte, anstatt eilig zur Unfallstelle zu fahren, so Schmeißer. Die Polizei hat auch wenig Verständnis, wenn Unfälle gefilmt werden. "Das übersteigt das normale Informationsbedürfnis Einzelner", sagt Schmeißer. Die Geschwindigkeit auf der Autobahn zu reduzieren, könne fatal werden.

An einen Unfall im Sommer erinnert sich Roland Kauppert von der Freiwilligen Feuerwehr in Wachenroth. Ein Unfall mit sechs Personen, eigentlich keine große Sache, sagt Kauppert und meint damit, dass es glimpflich ablief. Zwei Stunden dauerte es, bis der Rettungsdienst eintraf. Der Grund: Der Rettungswagen musste von der Gegenfahrbahn zur Unfallstelle, und da dort aufgrund der Gaffer Stau war, kam er nicht durch. Zugleich spricht der Kommandant damit ein weiteres Phänomen an. "Rettungsgasse scheint hier ein Fremdwort zu sein", meint Kauppert aufgrund der Erfahrungen. Eine Rettungsgasse zu bilden, lerne man zwar schon in den Unterrichtsstunden zur Führerscheinprüfung, doch die Realität sieht anders aus. Oft fahren die Autos zur Seite, lassen ein Fahrzeug durch und schließen dann die Rettungsgasse wieder. Das Martinshorn hören die anderen Fahrzeughalter durchaus, doch wohin auf die Schnelle? Man könne sich nicht in Luft auflösen und die Rettungsfahrzeuge stehen im Stau. Dort, wo sie eigentlich nicht sein sollten.


Wichtige Minuten

"Wir haben Hilfsfristen einzuhalten", betont Kauppert, der sich über das uneinsichtige Verhalten mancher Mitmenschen bei einem Unfall schon ärgert. Im Gemeindebereich müssen Feuerwehren in spätestens zehn Minuten beim Einsatzort sein, außerorts sind es einige Minuten mehr. Dass sich die Hilfe verzögert und durchaus auch Menschenleben in Gefahr sind, wenn diese durch das behindernde Verhalten mancher Gaffer zu spät ins Krankenhaus kommen, davon ist der Feuerwehrmann überzeugt.

Manfred Grau, Kommandant der Feuerwehr Medbach-Kieferndorf, empfindet es persönlich schon als störend, wenn die Leute bei solchen Einsätzen zu nahe an die Unfallstelle oder den Einsatzort kommen. "Es geht ohnehin schon hektisch zu", sagt Grau. Damit nicht genug, gefährden die "Gaffer" mit ihrem Verhalten durchaus auch sich selbst. "Es hat schon seinen Sinn, wenn die Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten im Einsatz sind", betont er. Dort stünden aber schon mal Zuschauer und gefährden ohne Schutz ihre Gesundheit.

Bei Einsätzen im Ort hält sich die Neugierde dagegen in Grenzen. "Die Zuschauer bemerken Brände meist erst, wenn die Feuerwehr vor Ort ist", sagt Hörrlein. Dann versuchen sie zu helfen, bieten den Nachbarn an, in die Wohnung zu kommen. "Es ist normal, dass sich die Leute versammeln", bestätigt auch Wolfgang Glotz. Nur wenige klettern dann über das Absperrband. "Wenn die Arbeit behindert wird, darf auch Zwang angewendet werden, indem Platzverweise ausgesprochen oder die Personen weggeführt werden", informiert Glotz. Mit Reden sei man aber bisher immer gut zurecht gekommen. Innerorts. Ansonsten bleibt nur die Gaffer zu ignorieren. Glotz appelliert: "Lasst die Neugierde zu Hause. Der Fahrer soll sich auf die Fahrt konzentrieren."