Der langjährige Stadtrat aus der Hauptstraße ist ein bevorzugter Ansprechpartner für viele Bürger. Franz-Josef Lang setzt sich seit 32 Jahren als Mitglied des Stadtrats Herzogenaurach für seine Mitbürger ein. In dieser Zeit war er Mitglied in nahezu allen Ausschüssen des Stadtrates. Seit der Geschäftsaufgabe haben der Bäckermeister und seine Frau Zeit, Dinge zu tun, die in all den Jahren zu kurz kamen.

Gab es einen bestimmten Anlass, der Sie bewogen hat, als Stadtrat zu kandidieren?
Franz-Josef Lang: Politik war in unserer Familie schon immer ein Thema und es wurde viel diskutiert, sowohl über die Stadtpolitik, als auch über die Weltpolitik. Und damals hat mich Hans Ort angesprochen. Ich bin seit 1970 Mitglied der CSU. Ich ging aber schon nach der Schule zur CAJ (Christliche Arbeiterjugend) und danach zur Jungen Union.

Wenn Sie sich noch einmal entscheiden könnten, sich politisch zu engagieren oder nicht, würden Sie es wieder tun?
In so ein Amt drängt man sich nicht, Vertrauen ist wichtig. Eine Demokratie lebt durch Engagement. Meine Frau sagt immer, nimm dich nicht so wichtig, denn in 32 Jahren hatte die Kommunalpolitik oft Vorrang vor der Familie.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube in Ihrem Alltag als Politiker?
Der Glaube ist das Fundament einer Gesellschaft. (Anm. d. Red.: Lang holt die unabhängige und ökumenische Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart".) Die lese ich seit über 30 Jahren und viele Artikel befassen sich kritisch mit Glauben, Politik und Wirtschaft und ich erachte sie als wichtig für die Lebenseinstellung. Auch das Buch "Die Zehn Gebote" von Günther Beckstein beschreibt treffend, welche Bedeutung die Gebote für den politischen Alltag haben. Schade, dass die meisten Politiker anders denken.

Welche Vorbilder haben Sie?
Es ist schwierig, Menschen als Vorbild zu nehmen. Ich habe in meinem Leben viele interessante Menschen kennengelernt. Beeindruckt haben mich Günther Beckstein, Werner Dollinger, Heinrich Albertz und Hans Maier als ehemaliger bayerischer Kultusminister. Aus Herzogenaurach Wolfgang Falk, Hermann Weiler und Bernd Müller für ihren Sachverstand.

Mit welchen Augen sehen Sie Herzogenaurach?
Ich sehe die Stadt als Eingeborener. Man sollte niemals, trotz aller Veränderungen, den Blick auf das alte Herzogenaurach verlieren. Ein modernes Herzogenaurach und die Geschichte der Stadt sind vereinbar.

Was würden Sie an Herzogenaurach ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Verändern, das steht mir nicht zu - man kann begleiten. Und ich mache im Stadtrat das, was ich für richtig halte und was mir möglich ist. Das Herz eines Menschen ändert sich schneller, als das Gesicht einer Stadt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Heimatstadt?
Dass die Stadt auch in Zukunft mit der Fürsorge und glücklicher Hand weitergeführt wird. Und ich wünsche mir, dass keine Monostruktur entsteht und die Vielfalt erhalten bleibt und nicht in die Anonymität abgleitet. Hier setze ich die Hoffnung auf junge Leute und auf einen Generationenwechsel und nicht auf Filialisten - die Stadt muss lebendig bleiben. Die Neubürger müssen mehr Bezug zu Herzogenaurach haben und ihren Wohnort als ihre Heimat betrachten. Die Stadt wird sich weiter entwickeln und wachsen. Ganz wichtig ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, sonst werden wir im Verkehr ersticken.

Wovor haben Sie Angst?
Familiär um die Kinder und Enkelkinder. Politisch gesehen: Dass die EU auseinander driftet, aber auch vor einigen politischen Strömungen und das Denken, das oft vorherrscht, sei es bei Politikern als auch bei vielen Menschen. Manche Aussagen bereiten mir schon schlaflose Nächte. Und natürlich die unsichere Lage in vielen Ländern, die scheinbar von den Industrieländern toleriert und oft auch noch gefördert wird. Die Zeiten sind nicht gut und die großen Manager und Bosse sollten auch mal an die Zukunft ihrer Kinder und Enkel denken und nicht nur an Macht und Gewinnoptimierung.

Was stört Sie an der CSU zurzeit am meisten?
Manch gewisse Selbstgefälligkeit und das Taktieren vieler Politiker. Auch die Auseinandersetzung mit der CDU geht mir auf die Nerven. Auch eine Partei hat nicht immer Recht. Außerdem darf eine Wirtschaftsnähe nicht zur Wirtschaftshörigkeit werden. Denn gerade ökologisch und soziologisch muss noch viel mehr bewegt werden. Wenn beispielsweise Fracking abgelehnt wird, warum sollen dann Probebohrungen erlaubt werden. Aber es gibt noch viel mehr, wo Mensch, Natur und Umwelt hinter der Gewinnmaximierung stehen. So darf es eigentlich nicht weitergehen und die Verantwortlichen sollten daran denken, dass Umwelt und Natur nicht ihr Eigentum. Denn irgendwann wird es keine lebenswerte Welt mehr geben und Kämpfe um die letzten Ressourcen stattfinden. Schade, dass bei den Politikern außer Lippenbekenntnissen nichts bleibt.

Hat Deutschland in der Asylpolitik richtig gehandelt?
Moralisch eindeutig! Denn auch Deutschland trägt eine politische Mitverantwortung an den Krisen in einigen Ländern, ich sage nur Waffenlobby und Waffenexport. Ob wirtschaftlich und politisch richtig, ist eine andere Sache. Deutschland muss aufpassen, ob es wirtschaftlich leistbar ist. Dass Menschen ihre Heimat aus Not verlassen, war vorhersehbar, aber die Industriestaaten haben weggeschaut und nur ihre eigenen Interessen wahrgenommen, leider.

Die Politikverdrossenheit ist groß. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Das Pokémon-Spielen. Er lacht und führt dann ernsthaft fort: Die Menschen haben zu wenig Interesse an der Politik, denn die Bürger fühlen sich von den Parteien nicht mehr angemessen repräsentiert und wahrgenommen. Die Auftritte der Politiker sind oft inszeniert und strotzen nur so von Selbstgefälligkeit, das schreckt viele Wähler ab und ist sicher auch eine Folge der Medienpräsenz. Die Politik schaut zu, wie Großkonzerne ungeniert weltweit agieren und die Natur ausbeuten. Gerade in Ländern, die Hilfe bitter nötig haben, wird Land in Anspruch genommen und den Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Warum wird von der Politik zugelassen, dass zum Beispiel Nestlé in regenarmen Ländern Wasser abpumpt und teuer verkauft, ohne dass eine Reaktion der Politiker zu hören ist. Man beschäftigt sich lieber mit selbstfahrenden Autos - das kommt gut in den Medien - als mit wahren Problemen.

Was müssten etablierte Parteien Ihrer Meinung nach tun, um Vertrauen wiederzugewinnen?
Die Politiker sollten ihr Augenmerk nicht nur auf Umfragewerte richten, sondern mehr auf Authentizität.

Was möchten Sie noch erreichen?
Das 70. Lebensjahr. Ich möchte dazu beitragen, dass man sich respektiert, unabhängig einer Parteizugehörigkeit.

Welchen Rat geben Sie Neulingen in der Politik?
Neulinge sollten bedenken, dass sie auch mal auf der anderen Seite sitzen und Wert auf einen respektvollen Umgang mit dem Gegenüber legen. Ich zitiere Kardinal Ratzinger: "Der Kompromiss ist das einzig Rationale in der Politik."


Das Gespräch führte
Richard Sänger.