Der Erlanger Energieexperte Professor Matthias Luther sieht trotz wachsender Widerstände in den betroffenen Regionen keine Alternative zu den geplanten Stromautobahnen. Andernfalls drohe Bayern nach der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke im Jahr 2022 ein massiver Stromengpass, sagte der Professor für Elektrische Energiesysteme an der Universität Erlangen der Nachrichtenagentur dpa.

"Derzeit wird der bayerische Strombedarf noch zu 50 Prozent von Kernkraftwerken gedeckt. Dieser Anteil fällt bis 2022 schrittweise weg", unterstrich Luther. Sollte die Politik auf Stromtrassen verzichten, die Windstromstrom aus Norddeutschland und Braunkohlestrom aus Sachsen-Anhalt nach Süddeutschland leiten, werde Bayern um den Bau eigener Grundlastkraftwerke nicht umhinkommen.

Wind- und Solarstrom bieten noch keine ausreichende Versorgungssicherheit

Wind- und Solarstrom hätten in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Aber sie böten im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken keine ausreichende Versorgungssicherheit. "Für die Erhaltung der heutigen Versorgungszuverlässigkeit brauchen wir weiterhin eine gesicherte Leistung. Dies ist die Leistung, die von einem Kraftwerk zu 99 Prozent des Jahres zur Verfügung steht", erklärte der Erlanger Hochschullehrer.
Die Leistung der in Deutschland installierten Windkraftwerke liege zwar inzwischen bei 35 Gigawatt - die gesicherte Leistung aber nur bei gut einem Gigawatt, weil sie bei Flaute oder Sturm nicht zur Verfügung stehen. Die gesicherte Leistung von Photovoltaikanlagen liege sogar bei Null, weil nachts eben die Sonne nicht scheine, erläuterte Luther. Derzeit stünden auch noch keine ausreichend leistungsfähigen Stromspeicher zur Verfügung, um die schwankende Stromerzeugung auszugleichen.

Bei einem Verzicht auf großen Nord-Süd-Stromtrassen wären daher in Bayern neue Kraftwerke notwendig. "Aber wo sollten wir in Bayern ein Kohlekraftwerk bauen?" fragte der Energieexperte.

Auch in den von der Staatsregierung ins Auge gefassten zusätzlichen Gaskraftwerken sieht Luther nur bedingt einen Ersatz für die Kernkraftwerke Grafenrheinfeld, Gundremmingen und Isar: "Gaskraftwerke sind Mittel- und Spitzenlastkraftwerke, vorrangig zum Ausgleich von Schwankungen im Stromnetz und zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen gedacht".

Gaskraftwerke nicht mehr rentabel

Zudem arbeiteten Gaskraftwerke wegen der vorrangigen Einspeisung von Wind- und Solarstrom nicht mehr wirtschaftlich. "Gaskraftwerke laufen je nach Anlagentyp aber erst ab 3000 Betriebsstunden im Jahr rentabel. Derzeit laufen Gaskraftwerke in der Regel aber nur noch 1500 Stunden", erläuterte der Energieexperte. Daher werde es schwierig sein, Investoren zu finden, die mit dem Bau neuer Gaskraftwerke ein solches wirtschaftliches Risiko eingingen.

Entlang der von Oberfranken nach Augsburg führende Stromtrasse Süd-Ost haben sich in den vergangen Wochen vielerorts Bürgerinitiativen gegründet. Die Bürger befürchten Gesundheitsgefahren, eine Verschandelung der Landschaft und Werteinbußen ihrer Immobilien.

Seehofer kontert Kritik an Moratorium

Unterdessen hat der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer Kritik an seinem Ruf nach einem Planungsstopp für große Stromtrassen in den Süden zurückgewiesen. "Wir Bayern brauchen keine Belehrung von irgendjemand", sagte der CSU-Vorsitzende der "Bild"-Zeitung (Samstag). Keiner könne "sich mit uns messen, der selber seine Hausaufgaben bei der Energiewende noch nicht gemacht hat."

Er dringe aber darauf, dass die großen Stromtrassen nach Bayern noch einmal auf ihre Notwendigkeit und auf ihre Machbarkeit hin überprüft würden. "Das Geschwätz, das dazu eingesetzt hat von EU-Kommissar (Günther) Oettinger und anderen Ortsunkundigen, wird an dieser bayerischen Forderung nichts ändern", sagte Seehofer weiter. Oettinger hatte einen schnellen Bau der Leitungen angemahnt und Seehofer zum Einlenken aufgerufen.