Es war wieder dieser Blick, der mir klarmachte, dass ich wieder etwas beklopptes mache. Es ist der Blick, der mir im vergangenen halben Jahr immer wieder begegnete. Zum Beispiel von den Engländern, die nicht verstehen wollten, dass man auf der griechischen Urlaubsinsel Kos morgens um halb sechs zu einem 20-Kilometer-Lauf aufbricht, der Blick meiner Frau, dass ich quer durch Frankfurt renne, um dann fröhlich "Jetzt will ich ein Weizenbier" hinauszuposaunen, statt mehr oder weniger fröhlich zusammen zubrechen.

Genau diese Art von Blick traf mich nun morgens, als ich bei Schneefall, minus vier Grad und leichter Straßenglätte in meiner Laufmontur auf die Straße trat, um dem Laufvirus zu frönen. Der kratzte eher missmutig den Schnee und das Eis von der Scheibe, ich schnürte mir die Laufschuhe nur noch ein wenig fester. "Nachbar, das ist kalt", war noch seine sinnigste Bemerkung, die er mir durch seinen Schal entgegenschleuderte. "Vom Rumstehen wird's nicht wärmer", war noch das sinnvollste, was ich entgegnen konnte.

Kalt, kälter, erfroren

Etwa zwei Kilometer musste ich noch oft an den Nachbarn denken, der sicher im mittlerweile gut geheizten Auto wieder auf Betriebstemperatur, und damit im warmen Wohlfühlbereich war. Hatte ich den dünnen Stoff überschätzt? Leicht Frösteln soll der Läufer ja, wenn er seinen "Run" beginnt, damit er später nicht zu sehr unter zu vielen Klamotten schwitzt. Doch wo ist die Grenze zwischen "leichtem Frösteln" und lebensbedrohlicher Unterkühlung? Frankfurt war zwar kalt, aber mit seinen 13 Grad noch handhabbar - minus vier Grad ist schon etwas anderes.

Aus Läufermund erfährt man immer wieder, dass es sowieso nicht gut sei, bei so kalten Temperaturen zu laufen, da der feuchte Atem in der Lunge gefriert und zu starken Schädigungen führen kann. Angesichts der aufkeimenden Lungenentzündung war ich mir auch nicht sicher, ob denn letztlich die Experten recht haben, die alle sagen: "Blödsinn." Bis die Luft die Lungen erreiche, sei sie schon längst so warm, dass die Lungen gar keinen Unterschied zum Sommertraining merken.

Frostiger Neid

Allzu lange machte ich mir da aber auch keine Gedanken, da die Konzentration der Strecke gilt. Ganz fies sind die mit Schnee bedeckten zugefrorenen Pfützen. Von wegen Lungenentzündung - Steißbeinbruch ist deutlich wahrscheinlicher. Doch von Kilometer zu Kilometer wird die Bewegung flüssiger. Die Kälte verschwindet - bis auf die eingefrorenen Ohrläppchen, das nächste Mal muss eine Mütze mit.

Es ist Zeit auf das Knirschen zu hören, das bei jedem Schritt entsteht, es ist Zeit einen Blick auf die Blicke zu werfen, die die anderen auf einen werfen, um einen Blick auf den seltsamen Läufer zu erhalten. Und über allem liegt die winterliche Stille, die wegen des Knirschens eben nicht so still ist. Jedenfalls: Nach acht Kilometern und einer guten Laufzeit von 45 Minuten ist es die heiße Dusche, die dann dafür sorgt, dass das Lauferlebnis eine runde Sache war. Es lässt sich wesentlich leichter arbeiten.

Nachsatz: Mein Nachbar erzählte mir am Abend, dass er mit dem Auto auf der Autobahn in einen Stau geriet. Die Heizung des ansonsten modernen Wagens funktionierte nicht, so dass er, um nicht ganz zu erfrieren, in kleinen zeitlichen Abständen immer wieder um das Auto joggte. So aufgewärmt habe er immer wieder an mich gedacht und geistig neidische Blicke in Richtung Marathonmann geworfen.