Im Dirigentenberuf sind Frauen Mangelware. An der Dienstkleidung Frack wird es wohl nicht liegen. Aber eine ganz einfache Frage ist es nicht: Was trage ich als Frau, die ständig dem Publikum den Rücken zuwendet? Ljubka Biagoni löste sie mit einem mantelartigen schwarzen Gewand, an dessen Trompetenärmeln weiße "Manschetten" aufblitzten.
Ihre Silhouette ähnelte , wenn sie mit weiten Gesten Beethovens sechste Symphonie "Pastorale" dirigierte, einem Zauberer aus dem Bilderbuch. Und damit sind die zwei Begriffe gefallen, die das zehnte Klassik am See auszeichneten: Bilderbuchwetter und eine verzaubernde Musikdarbietung.
"Beethoven pur" war das Jubiläumsprogramm überschrieben. Das ist korrekt, denn neben der Pastorale stand sein Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 und seine - deutliche seltener - aufgeführte Fantasie für Klavier Chor und Orchester c-Moll op. 80 auf dem Programm. Für diese beiden Werke stand Biagoni ein "Zauberlehrling" zur Seite. Freilich einer, dem im Gegensatz zum Goethe'schen sein Kunststück gelang: Martin Stadtfeld.
Beethoven pur und pur im Sinne von rein - das beschreibt zutreffend seine Interpretation des einzigen Klavierkonzerts in einer Moll-Tonart. Düster beginnt das Werk und lichtet sich im Largo des Mittelsatzes zu großer Weite. Darf man es "geschehen lassen" nennen, wie Stadtfeld die Arpeggien im bewusst langsamen, eher lyrischen Grundtempo schwingen lässt? Wie er kontrastierend den letzten Satz im Wechsel mit dem Orchester zu einem triumphalen Schluss hinführt? Presto, aber dennoch blieb ein präziser, ja weiterhin lyrischer Höreindruck.
Das Klavierkonzert enthält einen gegenläufigen Spannungsbogen zur Pastorale. Sie ist geprägt von Beethovens Naturliebe, der seine Sommer gerne im ländlichen Raum um Wien verbrachte. Fast schon tonmalerisch lässt der Komponist ein Gewitter über einen dörflichen Tanzplatz hereinbrechen. In der Orchestermuschel am See gab es noch einen Zusatz-Effekt. Die rötlich-orange Bühnenbeleuchtung setzte fast zeitgleich mit dem ersten Donnergrollen der Bässe ein.

Chöre proben hinter dem Zaun


Getrennt waren die beiden Werke durch die Pause. Viele nutzten sie zum Flanieren am Seeufer. Wer an der weißen, mannshohen Plastikumzäunung neben der Bühne vorbeikam, vernahm seltsame Töne wie miiii-maaa-mo. Der Chor sang sich ein, genauer der philharmonische Chor Herzogenaurach, der Philharmonische Chor Nürnberg, die Kantorei St. Matthäus und der Siemens-Chor.
Die 200 Sänger sind gewissermaßen das bislang noch fehlende letzte Instrument des Klangkörpers. In gedanklicher Vorwegnahme des letzten Satzes seiner neunten Symphonie hat Beethoven die Fantasie op. 80 als Abschluss eines Akademie-Konzertes in Wien geschaffen, eines Konzertes, in dem neben der sechsten auch die fünften Symphonie und Teile einer Messe erklangen, wie Moderator Ronald Scheuer berichtete. Damals soll Beethoven die Hinführung zum Wechselspiel der Chorstimmen improvisiert und erst später für den Druck niedergeschrieben haben.
Mit diesem Duktus begann Stadtfeld und Biagoni führte das Instrumentalensemble so weiter, bis - die Assoziation zu "Freude, schöner Götterfunken" ist, hat man Beethovens Gesamtwerk im Blick, unvermeidlich - die Chöre die Göttergunst besingen. Sie waren Klassik am See gewogen: Windstille, milde Temperaturen des Abends, Lichter am anderen Ufer und - der Abschluss mit einem Feuerwerk. Nur: Stadtfelds ständigem Begleiter, einem weißen Hündchen, hat das nicht gefallen.