In drei Schlagworten soll Höchstadts Bürgermeister Gerald Brehm (JL) das Jahr 2015 beschreiben. Er überlegt kurz. Vor ihm liegt sein Kalender. Darin finden sich eng vollgeschrieben seine Termine. Es wäre ein Leichtes für ihn, jetzt einfach seine lokalpolitischen Projekte aufzuzählen. Aber es steht wohl für dieses aufgeregte Jahr der unentwegten internationalen Krisen, dass der Bürgermeister einer deutschen Stadt seine Aufzählung mit dem Wort "weltpolitisch" beginnt.

Herr Brehm, wie haben Sie das Jahr 2015 gesehen?
Gerald Brehm: Weltpolitisch eine bedauerliche Entwicklung, persönlich sehr arbeitsintensiv und familiär sehr erfreulich. Mein Enkelsohn hat heuer ersten Geburtstag gefeiert. Eine meiner Töchter hat geheiratet.

Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Ruhe. Auch für einen Bürgermeister?
Der Dezember ist klassisch ein arbeitsreicher Monat für den Bürgermeister. Zum einen gibt es viele Weihnachtsfeiern von Vereinen, Sozialverbänden, Kirchengemeinden oder Gremien, zu denen man eingeladen ist. Zum anderen will man vor Jahresende noch ein paar offene Dinge abarbeiten.

Können Sie Plätzchen noch sehen?
Naja, hier ein Stück Stollen, da ein Kuchen, das ist schon noch drin.

Sie sagen, es war ein arbeitsintensives Jahr für Sie. Was hat Sie am meisten beschäftigt?
Der Kalender war eigentlich immer voll. Gleich zu Jahresbeginn gab es ja den leidigen Fall mit den Betrügereien eines ehemaligen Rathausmitarbeiters. Permanent aktuell war natürlich das Thema Asyl. Sehr viel war zu organisieren. Und ich gehe davon aus, dass uns das noch eine ganze Zeit weiter beschäftigen wird. Vor allem die Frage der Wohnungen und der Integration.

Die durchschnittliche Aufnahmequote an Flüchtlingen der Landkreise wird im nächsten Jahr bei ca. 2 bis 2,5 Prozent der Einwohnerzahl liegen. In Erlangen-Höchstadt sind wir mit derzeit 1800 Flüchtlingen bei etwa 1,5 Prozent. Ich teile daher die Ansicht des Landrats, dass die Zahl noch deutlich über die 2000 steigen wird. Es ist klar: Wir als Kommune kommen unserer Solidarverpflichtung nach. Auch wenn die Frage sicher erlaubt sein muss, wo die Belastungsgrenze liegt.

Der Landrat hat ja kürzlich auf andere Kommunen hingewiesen, die ihr Soll im Vergleich zum Landkreis ERH noch lange nicht erfüllt hätten.Ist der Landkreis der "Dumme", weil er so vorbildlich ist?
Als Bürgermeister versucht man, die auferlegte Quote einzuhalten. Das ist schließlich auch eine menschliche Pflicht. Es darf aber kein Tabu sein, auch etwa nach Ansbach, Erlangen oder Nürnberg zu schauen, die diesbezüglich teilweise ihre Hausaufgaben nicht machen. In Höchstadt brauchen wir uns nicht zu verstecken. Die erweiterte Gemeinschaftsunterkunft sieht mittlerweile ganz gut aus. Und auch in der Engelgasse entwickeln sich die Dinge positiv. Die Stadt hat Lubna Al Hosari als Kümmerin für die Flüchtlinge eingestellt und wir haben einen tollen Helferkreis rund um Sabine Grasse und Wolfgang Kümmeth. Auch unsere Mitarbeiter Günter Brehm und Julia Weiland sind intensiv eingebunden.

Nun gab es ja in diesem Jahr noch andere Themen als das Asyl. Was waren für Sie die Schlaglichter 2015?
Zuletzt ja sicher das Aischpark-Center, das einige Wogen ausgelöst hat. Aber auch die Frage rund um den Aischübergang, also ob es eine Behelfsbrücke geben soll oder nicht. Der Breitbandausbau war auch ein Thema.

Haben Sie das Aischpark-Center als heißes Eisen unterschätzt?
Nein, ich wäre blauäugig gewesen zu denken, dass es in der Höchstadter Geschäftswelt keine Vorbehalte gibt. Ich bin ja schon ein Stück im Amt und kenne solchen Widerstand etwa noch aus den Diskussionen rund um das ADAC-Fahrsicherheitszentrum.

Wie es mit dem Aischpark-Center weiter geht, wird das nächste Jahr zeigen. Einen politischen Erfolg hatten Sie im Frühjahr mit dem Bürgerentscheid gegen die Stadt-Umland-Bahn (StUB). Wie blicken Sie auf die aktuellen Ereignisse in Erlangen, wo bald auch die Bürger abstimmen werden?

Vor zwei Jahren wäre ich noch eher davon ausgegangen, dass die Erlanger mehrheitlich die StUB befürworten. Da bin ich mir heute nicht mehr ganz sicher. Das hat zwei Gründe. Zum einen ist die Finanzlage der Stadt Erlangen mit ihrer Unterdeckung im Haushalt alles andere als rosig. Nicht zuletzt höhere Sozialausgaben beim Asyl bewirken, dass an anderer Stelle vielleicht das Geld nicht mehr ganz so locker sitzt. Zum anderen glaube ich, dass die Erlanger den erfolgreichen Bürgerentscheid im Landkreis registriert haben und gesehen haben, dass es gute Argumente gegen die StUB gibt.

Über die Erlanger gibt es ja das Klischee, dass man ab und zu vielleicht etwas abschätzig über das "Umland" da draußen spricht. Die Gräben beim Thema StUB sind ja teilweise recht tief. Auch die jüngste Kritik von Kreisräten am Erlanger Baustellenmanagement im Straßenbau zeigt eine gewisse Kluft zwischen Landkreis und kreisfreier Stadt. Wie ist eine bessere Symbiose möglich?
Es gibt einen guten Dialog mit der Stadtpolitik in Erlangen. Parteiübergreifend muss ich betonen. Wir arbeiten seit langem im Zweckverband Abfall, beim ÖPNV gut zusammen. Auch bei der Kreissparkasse Erlangen und der VR-Bank EHH gibt es natürlich Gemeinsamkeiten. Ich habe mich massiv für Erlangen als Standort für das neue Landratsamt und für Erhaltung des Standorts Höchstadt eingesetzt. Allerdings kann es durchaus sein, dass man die Belange des ländlichen Raums und die der Stadt noch besser zusammenbringen könnte. Schließlich sind wir faktisch nicht nur eine gemeinsame Region, sondern werden ja auch als solche von außen wahrgenommen. Auch touristisch ist die Zusammenarbeit der Region Aischgrund mit Erlangen, aber auch mit Bamberg, enorm wichtig. Gott sei Dank ist die Infrastruktur bei uns mittlerweile so, dass sie etwas hergibt.

Das klingt wie eine versteckte Werbung für das Aischpark-Center.
Das haben Sie richtig verstanden. Ich hoffe, dass das Aischpark-Center in Erlangen nicht als Konkurrenz betrachtet wird. Ich hatte auch damals, als die Arcaden geplant wurden, keine Einwände geäußert. Es wäre gut, wenn man jetzt auch das Bedürfnis bei uns versteht, die Versorgung hier vor Ort zu verbessern.

Gehen wir zum Schluss noch einmal zurück zum Thema Flüchtlinge. Letzte Woche hat die Polizei einen Übergriff auf einen Asylbewerber aus Äthiopien gemeldet. Ein trauriges Novum für unsere Gegend. Was denken Sie, dass man tun muss, damit sich so etwas nicht häuft?
Unsere Region kann glücklich sein, bisher von solchen schlimmen Sachen verschont gewesen zu sein. Wir stehen im Gegensatz zu anderen aber auch besser da. Denken Sie etwa an die niedrige Arbeitslosigkeit bei uns. Wir haben fast Vollbeschäftigung. Das spielt, denke ich, eine große Rolle, wenn es darum geht, damit sich Rechtsextremismus nicht verbreitet. Wir sollten dem Thema Asyl mit der notwendigen Offenheit begegnen, transparent, aber vor allem relaxt.

Das Gespräch führte Christian Bauriedel.