Es ist zum Verrücktwerden. Gestern hat alles gesessen. Heute? Alles für die Katz. Marian sitzt mit großen Augen vor der Lehrerin und weiß gar nicht so recht, was die schon wieder von ihm will. "Behalte es Dir halt mal", herrscht sie ihn an. Marian weiß nicht, was er falsch gemacht hat. Warum muss die Frau auch immer so komische Fragen stellen?

Marian hat ADS - Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Eine "Modekrankheit" sagen viele, eine Ausrede für Eltern, deren Kinder nicht lernen wollen - oder vielleicht einfach nur doof sind. Der Siebenjährige versteht die Welt nicht mehr. Wenn er Forscher wäre, würde er es erklären können: "Mein Arbeitsgedächtnis ist schnell überlastet, deshalb höre ich die Informationen zwar, kann sie aber nicht abspeichern." Der Bub wäre gerne Forscher, erzählt er seinen Eltern immer wieder. "Ich erfinde dann etwas, was meinen Kopf in Ordnung macht." AD(H)S-Kinder wissen oft, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie wissen es oft besser als die Eltern. Sie wissen es definitiv besser als die vielen Menschen, die mit ihnen zu tun haben.

Es ist kein neues Phänomen

Die ehemalige Herzogenauracherin Sabina Meurer ist ADS-Eltern-Coach und weiß, wie schwierig es ist, selbst Eltern klarzumachen, dass viele der Handlungsweisen der Kinder dieser so schwer fassbaren Krankheit geschuldet sind. Dabei handelt es sich aus ihrer Sicht gar kein um ein neues Phänomen. "Wenn man dem Arzt Heinrich Hoffmann glauben schenken mag, hat er die Symp tomatik von AD(H)S bereits in dem durchaus bekannten Kinderbuchklassiker Struwwelpeter sehr konkret beschrieben", erklärt sie.

Vielleicht gebe es heute mehr positiv diagnostizierte Kinder. "Das liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass es sich Ärzte oder Eltern leicht machen und einen einfachen Grund für das Verhalten des betroffenen Kindes suchen. Vielmehr ist der gesellschaftliche Wandel hier ursächlich." Denn die betroffenen Kinder hätten in der heutigen Gesellschaft keine "Nischen" mehr, so wie das vor vielleicht 30 Jahren noch eher der Fall war.

Der Druck auf die Kleinen steige. Meurer: "Selbst für eine handwerkliche Ausbildung wird das Abitur gerne gesehen. Da entsteht schon in der Grundschule ein enormer Leistungsdruck, dem gerade die von AD(H)S betroffenen Kindern aufgrund ihrer Symptomatik nicht standhalten können." Aber es gelte auch: "Die Eltern sind häufig selbst betroffen, AD(H)S ist eine sich über die Gene vererbende Symptomatik."

325 000 Schüler leiden bundesweit nach Expertenschätzungen an AD(H)S. Lauter Zappelphilippe und Träumerle. Die Krankenkasse DAK meldet, dass auch im Landkreis Erlangen-Höchstadt immer mehr Jungen und Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren betroffen sind. Nach repräsentativen Daten vom Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigungen stieg die Zahl der dort gestellten Diagnosen zwischen 2008 und 2011 um 0,7 Prozentpunkte an.

Aber auch die Krankenkasse begibt sich auf einen Pfad, der es betroffenen Familien nicht einfach macht. "Die Diagnose ADHS wird mitunter zu schnell gestellt", kommentiert Gerhard Vogel, Chef der DAK-Gesundheit in Erlangen, die Entwicklung. "Das hilft den Familien nicht weiter. Im Gegenteil, eine vorschnelle Diagnose kann zu einem Stigma werden, das die Zukunft der betroffenen Kinder negativ beeinflusst." Worte, die faktisch richtig sein mögen, den Eltern mit AD(H)S-Kindern aber in den Rücken fallen.

Eltern sind wichtig

Sabina Meurer beurteilt die Rolle der Eltern aber genauer. "Die wichtigsten Personen im Leben von Kindern sind die Eltern. Entspannte, wissende und gut aufgestellte Eltern können einem Kind, ob nun mit oder ohne AD(H)S einen guten Rahmen und Halt geben. Gerade betroffene Kinder profitieren von einer Erziehung, die liebevoll und trotzdem konsequent auf die Besonderheiten der Kinder eingeht und sich nicht von allgemeinen Entwicklungsempfehlungen beeindrucken lässt." Eltern, die ihre Kinder fördern und fordern, ohne ständig mit anderen zu vergleichen, seien aus Sicht der Expertin die Basis für betroffene Kinder.

"Ich hab es schon immer gesagt, das ist nur eine Frage der Erziehung", eine Ansage, die Melanie Schoffrath schon öfter erhalten hat. Sie spricht nur bei einem Selbsthilfe-Treffen im Landkreis Erlangen-Höchstadt offen über ihre Probleme. "Das kann sich keiner vorstellen. Ich erkläre meinem Sohn jeden Morgen wieder, dass er sich anziehen muss, dass keine Spielzeit ist." Das zehre an den Nerven. Gerade in den Morgenstunden.

Versagerängste und mehr

Da hilft es nichts, wenn ihr gesagt wird, dass "ist für diese Krankheit normal". Schöne Sätze in ärztlichen Lexika: "Das hypoaktive Kind ist eher ruhig, verträumt, es kann dem Unterricht nur schwer folgen und sitzt stundenlang an seinen Hausaufgaben. Trotz guter oder sehr guter Intelligenz hat es schlechte Noten. Spätestens in der dritten oder vierten Klasse, wenn es die Probleme in der Rechtschreibung oder im Rechnen nicht mehr kompensieren kann, zeigt dieses Kind Schulunlust, Albträume, Versagensängste und Selbstwertprobleme. Sein Arbeitstempo ist zu langsam, alles Bemühen hilft nichts, es resigniert und beginnt psychisch zu leiden. Psychosomatische Beschwerden, wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Einnässen signalisieren dringenden Handlungsbedarf."

Auskünfte bei Schulen zu erhalten, ist deutlich schwieriger. Im Rahmen der Recherche wollte sich niemand zu diesen Problemen äußern. Doch wie gehen dann Eltern damit um? Auch da gibt Sabina Meurer entscheidende Tipps: "Eltern sollten sich alle Hilfe von außen holen, die angeboten wird. Elterntrainings, durch kirchliche Organisationen veranstaltete und häufig subventionierte Seminare, optimalerweise nicht immer vor der Haustüre, um einen Abstand zu gewinnen (z.B. Familienbildung Bistum Limburg, ADS Wochenende für betroffene Familien)."

Selbsthilfegruppen, ein gutes Netzwerk mit anderen Eltern, um sich regelmäßig gegenseitig zu entlasten, seien wichtig. ADS betroffene Kinder verstehen sich in der Regel mit Gleichgesinnten gut und es kommt häufig zu einem Ausgleich der Symptomatik.

Stress abbauen

"Wenn es finanziell möglich ist, sollten Eltern sich Hilfe im Haushalt holen oder einen Studenten, der die Vokabeln mit dem Nachwuchs paukt. Jemand, der das Aufräumen des Schulranzens überwacht und anleitet", erklärt Meurer. Und vielleicht am Wichtigsten: "Eltern können sich gegenseitig unterstützen. Was stresst den einen ganz besonders, den anderen deutlich weniger? Genau hinschauen, gemeinsam. Das schafft Synergien und Ruhepausen." Und ab und zu brauche es, und es sei unabdingbar, im Rahmen des Selbstschutzes "eine riesige Portion schwarzen Humor."

Was bleibt zum Schluss? Viele Fragen! Noch hat keiner geklärt welche Zusammenhänge zwischen AD(H)S bestehen und den Anforderungen, die an die jüngste Generation gestellt werden. Ist das Schulsystem wirklich ideal? Welche Förderungen gibt es für Kinder, die in dieses System nicht integriert werden? Ist der Leistungsdruck eventuell viel zu hoch oder wie wichtig ist es uns, dass Kinder Kinder sind? All das hängt zusammen mit dem Wort "Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom".