Erhard Wiesneth spricht nicht gerne über Islamisten. Eigentlich bezeichnet Islamismus nur den politischen Islam, "aber hierzulande wird das mit Terroristen gleichgesetzt. Und das sind die Leute in Ägypten nicht!" Wiesneth leitet seit vier Jahren eine deutsche Schule in Kairo, gerade ist er zu Besuch in seinem Heimatort Memmelsdorf, und erklärt, warum er Islamisten wie die Muslimbrüder nicht fürchtet. "Bei uns gab's in der Nachkriegszeit ja auch vor allem christliche Parteien. Der Glaube hat den Menschen nach einer schwierigen Zeit Halt gegeben - hier genau wie dort."
Ägypten tickt dennoch anders: "Es gibt in jeder Stadt ein Viertel, da kannst du Ruckizucki Massen bewegen." Der 61-Jährige führt das auch aufs ägyptische Bildungssystem zurück. "Wir rechnen mit etwa 40 Prozent Analphabeten. Das macht die Leute leichter manipulierbar." Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, schickt sein Kind auf eine nicht-staatliche Schule. "Die Leute ziehen dafür sogar um." Wiesneths "Deutsche Schule Beverly Hills Kairo" und der angeschlossene Kindergarten bedeuten derzeit für 350 Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 18 Jahren der Zugang zu Bildung - und damit auch zur Demokratie.
Die Fältchen auf der braungebrannten Haut um die Augen des Lehrers werden tiefer, er lächelt. "Es ist putzig, wenn die Kleinen ,Es tanzt ein Bi-ba-butzemann' singen. Oder ,A, B, C, die Katze lief im Schnee." Damit die Kinder sich unter dem Winter etwas vorstellen können, zeigen die Lehrer ihnen Filme mit Schnee und Schlitten.
An der Schule unterrichten 35 Lehrer. "Ich lebe als Schulleiter vor allem in der Welt derjenigen, die deutsch oder englisch sprechen. Aber ich habe auch ganz einfache Leute." Knapp zehn Security-Mitarbeiter beschäftigt die Schule - für Ägypten völlig normal. "Da sitzt vor jedem Haus in Kairo einer. Das sind oft einfache Leute aus Oberägypten."
Aus dem Regime sind nicht über Nacht lauter politische Menschen hervorgegangen, aber vieles hat sich geändert. Die Bevölkerung hat heute eine Meinung. "Früher waren unsere jungen Leute lethargisch, politisch uninteressiert. Es ist faszinierend, wie die Revolution sie verändert hat." Aber die Jugendlichen, diejenigen, die für den Sturz des Regimes ihr Leben riskiert haben, gelten als Verlierer der Revolution - spätestens, seit das Machtgerangel zwischen Militär und Muslimbruderschaft öffentlich ausgetragen wird. "Nach der Revolution griff eine allgemeine Euphorie um sich. Alle waren in Aufbruchsstimmung, voller Hoffnung. Dann kam relativ schnell die Enttäuschung. Die Lebenshaltungskosten stiegen."
Wiesneth mag keine Schwarzmalerei. Jeden Morgen liest er vor der Arbeit das E-Paper, die elektronische Ausgabe unserer Zeitung. Er will auf dem Laufenden bleiben, was zu Hause passiert. Aber er verfolgt auch, wie in Deutschland über Ägypten berichtet wird. Die Lokalzeitung findet er "durch die Bank sehr sachlich". Über die großen Medien ärgert er sich oft. Tendenziös, übertrieben und angstmachend sei die Berichterstattung oft. Zum Beispiel an dem Tag, nachdem das Verfassungsgericht das Parlament abgesetzt hatte: "Ich fahre früh mit einem Kollegen über den Tahrirplatz und denke: ,Mensch, da ist ja mächtig was los!' Alle sind nett, begrüßen uns recht herzlich. Beim Frühstück schauen wir dann das Morgenmagazin, sie zeigen eine große Demo auf dem Tahrir. Es wird als Bedrohung dargestellt."

Geduld auf Ägyptisch


Der Franke fühlte sich in Ägypten nur einmal nicht sicher: Als im Februar vergangenen Jahres, kurz bevor Mubarak gestürzt wurde, die Sicherheitskräfte entflohenen Häftlingen und Vandalen die Straßen überließen. "Das war, als die Gewalt kam." Damals ließ er sich von der deutschen Botschaft mit einer Sondermaschine ausfliegen. Sein Motorrad, das er im Stadtzentrum geparkt hatte, war weg, als er zurückkam. Er zuckt die Schultern. "Jetzt hab ich das zweite."
Als Lehrer war Wiesneth vor etwa zehn Jahren schon an einer deutschen Schule im ukrainischen Odessa. Aber die Geduld hat er in Kairo gelernt. "Ich habe viel gelernt, Lebenserfahrung gewonnen, Offenheit, Verständnis, ich habe Geduld gewonnen." Er lächelt. "Das muss ich aber noch fortsetzen."
Erst einmal macht er jetzt in Italien Urlaub mit seiner Frau, Ende August geht er - vorerst - allein zurück nach Kairo. Zwei Jahre läuft sein Vertrag dann noch. In diesem Zeitraum sollte sich das Land stabilisieren. Eine Demokratie nach westlichem Vorbild ist aus Wiesneths Sicht nicht eins zu eins auf Ägypten übertragbar. In dem Land kann allerdings ein politisches System entstehen, das es so noch nirgendwo auf der Welt gibt - aber das wird dauern.
Wiesneth wünscht den Ägyptern Geduld. "Wenn man es mal mit Deutschland vergleicht: Wieviel Zeit und Unterstützung anderer Länder wir hatten, um eine Demokratie zu entwickeln!" Aber die Geduld ist in Ägypten fast schon sprichwörtlich: Wiesneth zitiert eine Redewendung, die unter den Ausländern kursiert: "Wenn du nach Ägypten kommst und Geduld mitbringst, wirst du sie verlieren. Und wenn du nach Ägypten kommst und keine Geduld mitbringst, wirst du sie gewinnen."