"Ich heiße Mia und meine Hobbys sind Turnen und Tanzen." Für ein Tanzmariechen bringt die gelenkige Mia Thein aus Seßlach die idealen Voraussetzungen mit. Seit fünf Jahren zieht die heute Zwölfjährige bei ihren Auftritten für den Seßlacher Faschingsverein alle Blicke auf sich. Auch Laura Müller mag Tanz und Musik. Die fünfjährige Seßlacherin könnte eines Tages Mias Nachfolgerin werden.

Nein, ans Aufhören denkt die Ältere nicht. Doch Jens-Peter Scholz, Präsident des Faschingsvereins, möchte auf Nummer Sicher gehen und eine potenzielle Nachfolgerin langsam aufbauen. Deshalb lud der Faschingsverein über das Amts- und Mitteilungsblatt der Stadt Seßlach Mädchen zu einer Art Casting in die Seßlacher Schule ein. "Wir suchen zusätzlich ein kleines Tanzmariechen", bestätigte Scholz zu Beginn der Schnupperstunde.

Große Auswahl bot sich den Verantwortlichen des Faschingsvereins Seßlach nicht. Als einzige Interessentin erschien Laura. Und sie war mächtig beeindruckt von gleich drei Trainerinnen sowie dem Präsidenten des Vereins. Etwas eingeschüchtert verbarg die Kleine ihr Gesicht und mochte, einmal angesprochen, überhaupt nicht antworten. Auch zur Überraschung ihrer Mutter Christine Müller. "Zuhause singt und tanzt sie viel", berichtete die Seßlacherin. Vor allem, wenn sie die Musik aus dem Animationsfilm "Die Eiskönigin - völlig unverfroren" höre, gebe es kein Halten für das Mädchen.

Luisa Fischer hatte somit genau die richtige Musik ausgewählt, um die schüchterne Aspirantin aus der Reserve zu locken. "Wir fangen einfach mal an und wenn du Lust hast, machst du einfach mit", erläuterte die Trainerin des Tanzmariechens, als Laura ihrer Aufforderung zum Mittanzen nicht nachkommen wollte.

Die langjährige Gardetänzerin hat vor kurzem von Carina Schäfer die Aufgabe übernommen, Mia weiter auszubilden, die Choreografie für jede Saison auszuarbeiten und die passende Musik auszusuchen. Mias frühere Trainerin konzentriert sich als zweifache Mutter derweil auf das Training der Jugendgarde und ist voll des Lobs über ihre Nachfolgerin. Schäfer: "Luisa macht das toll!"

Doch zunächst zündete deren Idee mit dem Eiskönigin-Tanz "Lass jetzt los" mit bunten Tüchern nicht. "Der Schritt von der Gruppe allein auf die Bühne ist groß", erläuterte Scholz. Auf Nachfrage mochte kein Mitglied der Krümelgarde, des jüngsten Nachwuchses des Vereins, den Schritt zum Solo-Auftritt wagen.

Merle Rottmann ist ebenso jung wie Laura. Sie hätte das nötige Selbstbewusstsein und war am Freitag bereits mit dem notwendigen Spaß bei der Sache. Doch Merle ist nur als Begleitung ihrer Mutter Doreen Rottmann ins Musikzimmer gekommen. Die Trainerin der Prinzengarde wollte ebenfalls ein Auge auf die potenziellen Tanzmariechen werfen und hatte Merle dazu mitgebracht. Die Mama "bremse ihre Tochter aus", hieß es. Rottmann bestätigt das: "Merle geht bereits zum Ballett und zum Voltigieren", gibt die junge Mutter zu bedenken. Und bald komme ja auch noch die Schule dazu.

Auch Laura wird seit vier Wochen in Ballett unterrichtet, während Mia erzählt, sie habe vor ihrer Rolle als Mariechen "nur geturnt und nicht getanzt". Was muss denn ihrer Meinung nach die Solotänzerin mitbringen?

"Sie muss mutig sein, über Taktgefühl verfügen, Spaß an ihrer Rolle haben und gern im Mittelpunkt stehen", zählt Mia auf. Doch Laura bleibt skeptisch und würde sich am liebsten verstecken. Erst als Luisa sie fragt: "Was macht ihr denn beim Ballett?", taut die junge Seßlacherin langsam auf. Laura erläutert ein Fangspiel mit Hai und Sirene - und läuft kurz darauf mit Mia, Luisa und Merle kreuz und quer durch den Raum. Nach zwei weiteren Fangspielen mit Maus und Krake sowie Frosch und Meerjungfrau ist Laura dann so weit - und beteiligt sich ebenfalls am Tanzen.

"Das war ein erster Versuch", äußerte sich Scholz im Nachhinein. Laura soll nun bei den Proben dazustoßen. Dass nur ein Mädchen erschien, führt der Vorsitzende auf die Angst vor zu hohen Erwartungen zurück. "Ein Tanzmariechen muss nicht gleich ein Rad oder einen Überschlag können", stellte Scholz klar, "es muss allerdings Spaß am Tanzen haben."

Vielleicht habe die Ausschreibung Bewerberinnen abgeschreckt. Bei den Bunten Abenden, für die es noch Karten gibt, will der Präsident noch einmal für Tanzmariechen-Nachwuchs i werben. "Auch Jungen können sich melden", fügte Scholz hinzu. Er könne sich auch ein Tanzpaar vorstellen.

Infos Herkunft Das Tanzmariechen (auch Funke(n)mariechen oder Regimentstochter) ist in vielen Faschings-, Karnevals- oder Fastnachtsvereinen zu finden: Einzeln, gemeinsam mit einem Tanzoffizier oder zu mehreren als Garde treten die Mariechen auf, meist zu Marsch- oder Polka-, heute auch zu moderner Musik. Typischerweise tragen Tanzmariechen dabei uniformähnliche Kostüme, bei denen heute ein Kleid mit Plissee-Rock die Hose ersetzt.

Wandel Die aus dem Rheinland stammende traditionelle Karnevalsfigur geht auf die Marketenderinnen im mittelalterlichen Militärwesen zurück und war ursprünglich eine männliche Rolle. Erst in der NS-Zeit übernahmen diese Tänzerinnen, um unerwünschte homosexuelle Anspielungen zu vermeiden.

Voraussetzungen Um als Tanzmariechen gute Leistungen zu bringen, sind gymnastisches und tänzerisches Talent, Ausdauer, Geduld und viel Übung erforderlich. Gerade beim Solotanz kommen zum Spagat weitere akrobatische Elemente wie Flickflack hinzu. Gelenkigkeit, Körperspannung, Leidenschaft und die Bereitschaft im Mittelpunkt zu stehen sind unverzichtbar. Dafür winken dem Tanzmariechen viel Applaus und die Rolle als Star der Show und Aushängeschild des Vereins.