Es klingt fast wie eine Entschuldigung: "Es ist das Archiv meiner Heimatstadt!" Horst Gehringer wechselt vom Staatsdienst zurück in den kommunalen, und er geht zurück nach Bamberg. Dort übernimmt er im Lauf des nächsten Jahres die Leitung des Stadtarchivs.

Es ist in mehrerlei Hinsicht eine Rückkehr zu den Wurzeln: Im Stadtarchiv Bamberg machte er sein erstes Praktikum. Auch nach seinem Studium für den gehobenen Archivdienst arbeitete Gehringer zunächst in kommunalen Archiven, erst in Bayreuth, dann 15 Jahre lang in München.

Dort hätte er auch mit guten Aussichten bleiben können. Aber als sich vor sechs Jahren die Chance eröffnete, die Leitung des Staatsarchiv Coburg zu übernehmen, zog Gehringer zurück nach Franken. Nach Coburg. Bewusst: "Ein Archivar muss dort leben, wo er arbeitet." Mehr noch: Gehringer engagiert sich in der Historischen Gesellschaft, bei der Prinz-Albert-Gesellschaft und im Beirat der Landesstiftung. Die Mitgliedschaften will er beibehalten, den stellvertretenden Vorsitz der Historischen Gesellschaft jedoch abgeben. "Das geht nicht von Bamberg aus."

Wäre nicht das Angebot aus seiner Heimatstadt gekommen, "wäre ich in Coburg geblieben", versichert er. Denn das Staatsarchiv Coburg sei - neben dem Hauptstaatsarchiv in München - das einzige mit eigener Parlamentsüberlieferung und eigenem Theaterarchiv. "Was man im Hauptstaatsarchiv im Großen findet, gibt es hier im Kleinen."

Hinzu kamen die internationalen Beziehungen des früheren Herzogtums Coburg. "Es findet sich bei uns überproportional viel Material in Richtung Bulgarien, Portugal, England." Vor allem letzteres musste dem ausgewiesenen Englandfan gefallen. Seit er hier ist, sammelt er Hinweise auf den Coburger Prinz Albert in England, den Prinzgemahl von Queen Victoria.

Aus der langen Eigenstaatlichkeit erklärt sich Gehringer einen Teil der Coburger Mentalität. Eine andere Folge des Beitritts zu Bayern 1920 ist "das engmaschige Netz von Bildungsinstitutionen. Das findet man in bayerischen Städten ganz selten." Um die Ecke liegt die Landesbibliothek, nach 25 Minuten Fußmarsch sind die Kunstsammlungen auf der Veste erreicht, die Stadtbücherei und das Stadtarchiv liegen nur wenige Meter entfernt. Gehringer suchte und pflegte den Kontakt zu den Nachbarn. "Die Zusammenarbeit mit ihm war toll, stets partnerschaftlich, offen und konstruktiv", sagt Silvia Pfister, die Leiterin der Landesbibliothek. Gert Melville, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft, bedauert Gehringers Weggang: "Er war sehr konstruktiv und hat viele Ideen eingebracht."

Ursprünglich wollte Gehringer Lehrer werden. Aber für die Fächerkombination Latein, Griechisch, Geschichte waren die Stellenaussichten Mitte der 80er Jahre düster, und Gehringer sattelte um. Aber Geschichte zu vermitteln sei auch Aufgabe eines Archivs: "Es sollte den Leuten erklären, wie bestimmte Dinge geworden sind."
Dazu gehören freilich auch praktische Fragen, und da muss Gehringer einige Baustellen hinterlassen: Das Foyer im Erdgeschoss des Staatsarchivs eigne sich "wegen der Deckenlampen" nur bedingt für Ausstellungen und Vorträge. "Ich kriege da nicht mal eine vernünftige Power-Point-Präsentation zustande." Auch Anschlüsse für zwei Internet-Workstations hält er für sinnvoll, damit Gäste ergänzend zu Ausstellungen recherchieren können.

Aber selbst, wenn die Deckenlampen "nicht so ganz praktisch" waren, nutzte Gehringer das Foyer für Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Gespräche. Daneben schritt in seiner Amtszeit die Digitalisierung des Archivs voran. Damit lassen sich einige Kataloge des Archivs schon im Internet einsehen. Allerdings sind da Grenzen gesetzt: Bilder können nur anhand der Beschreibungen recherchiert werden - Vorschauen im Netz gibt es nicht. Was den Papierbestand angeht, wird er durch Gehringers Weggang sogar etwas anwachsen: Einige privat angeschaffte Nachschlagewerke über Thüringen lässt er hier. Sein Nachfolger Johannes Haslauer wird sich heute einen ersten Überblick übers Staatsarchiv verschaffen. Die offizielle Amtsübergabe ist für den 24. Januar vorgesehen.