Der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel wird am 22. Juni im Sonneberger Gesellschaftshaus die Festrede halten. Dort feiert der Klinikkonzern Regiomed mit geladenen Gästen seine ersten zehn Jahre. Gesteuert wird der Konzern seit 2012 von Coburg aus. Seit Januar 2014 ist das der Job von Joachim Bovelet.

10 Jahre Regiomed: Was ist das Besondere an diesem Klinikkonzern?
Die drängendsten Fragen der Gesundheitspolitik wie die Weiterentwicklung der Krankenhausstruktur, die Aufrechterhaltung einer flächendeckenden haus- und fachärztlichen Versorgung sowie die Begleitung von Innovationen und Mindestmengen sind vor allem für die ländlichen Regionen Deutschlands existenziell. Dem Gesundheitsverbund Regiomed-Kliniken GmbH, der als kommunaler Gesundheitsverbund in den Bundesländern Bayern und Thüringen vertreten ist, ist es gelungen, ein zukunftsweisendes Modell ins Leben zu rufen, das sich für all die gesundheitlichen Belange des Menschen einsetzt. Regiomed ist leistungsfähiges Netzwerk aus Medizin, Pflege und Betreuung, es ermöglicht der Bevölkerung eine umfassende Versorgung in Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren, mit einer dem Menschen zugewandte individuellen Behandlung in Wohnheimen und Seniorenzentren, schnellstmögliche Versorgung durch den Rettungsdienst, also eine allumfassende Versorgung im Krankheits- und Pflegefall anzubieten.
Seit 2008, dem Gründungsjahr des Gesundheitsverbunds, ist es gelungen die medizinische Versorgung im Bereich Oberfranken und Südthüringen im Sinne der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu sichern und sogar auszubauen.
Die Einrichtungen im Regiomed-Verbund schaffen eine Versorgungssicherheit für die Menschen in der Region. Dabei sind für Regiomed neue Versorgungskonzepte, Zusammenarbeit und Kooperationen der Schlüssel für eine umfassende Versorgung und Garant, die demographischen und politischen Herausforderungen kompetent, bürgernah und auf höchstem medizinischen, pflegerischem und therapeutischem Niveau zu erfüllen.
Inzwischen betreibt der Klinikverbund in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft
- fünf Krankenhäuser an sechs Standorten in Oberfranken und Südthüringen,
- medizinische Versorgungszentren an 14 Standorten,
- den bodengebundenen Rettungsdienst im Landkreis Sonneberg,
- sieben Seniorenzentren,
- zwei Heime für psychisch betroffene Menschen ,
- ein Hygieneinstitut am Standort Sonneberg,
- eine Akademie für die Förderung der Aus-, Fort- und Weiterbildung und
- die Regiomed Medical School in Kooperation mit der Universität Split (Kroatien)


Sie kennen die deutsche Kliniklandschaft seit langem. Wie wird sie sich in den nächsten Jahren verändern?
Ich gehe davon aus, dass sich neue Entwicklungen im Gesundheitswesen rasant ergeben werden. Medizinisch-technischer Fortschritt und demografischer Wandel führen zu überdurchschnittlichen Wachstumsraten und zwingen alle Dienstleister, die notwendigen Ressourcen optimal einzusetzen. Es wird wichtig sein, die Digitalisierung auch im Krankenhaus voranzutreiben. Allen Unkenrufen zum Trotz werden sich durch eine schnellere Datenverarbeitung und die vielfältigen Möglichkeiten neue Bereiche ergeben. Ein effizienter aber auch sicherer Umgang mit Automatisierungsprozessen, digitalem Datenspeicher oder App-basierten Auswertungen kann die Arbeitsprozesse in einem Krankenhaus nachhaltig verändern. Schnellere Diagnose- oder Dokumentationsprozesse könnten beispielsweise den Personaleinsatz in der Art verändern, dass den Ärzten und Pflegekräften wieder wertvolle Zeit für die Patientenversorgung geschenkt wird, da die administrativen Aufgaben schneller oder sogar automatisiert erledigt werden können.
In Deutschland erwarte ich eine weitere Konzentration der Leistungen auf weniger Krankenhäuser. Dieses Ziel hat die Bundesregierung auch durch die Anpassung der Mindestmengenregelung bereits in Angriff genommen. Daher ist es umso wichtiger, durch Zusammenarbeit und abgestimmte Leistungsbereiche gerade kommunale Krankenhäuser wirtschaftlich zu führen. Auch die Abrechnungsseite wird sich in den nächsten Jahren verändern: Die Frage der Balance zwischen der Macht der Kassen und einer umfassenden, wohnortnahen und wirtschaftlichen Gesundheitsversorgung wird sich stellen.

Wie verhält es sich mit Regiomed: Könnte ein anderer Konzern dieses Gebilde noch schlucken, oder ist Regiomed selbst schon zu groß?
Regiomed wurde im Jahr 2008 gegründet, um einer Übernahme durch private Betreiber zu entgehen. Ein mutiger Schritt, denn so verständigten sich die Träger der kommunalen Kliniken Einrichtungen der Landkreise Coburg (Bayern), Hildburghausen (Thüringen), Lichtenfels (Bayern) und Sonneberg (Thüringen) sowie der Städte Coburg (Bayern) und Schleusingen (Thüringen) auf einen zukunftsweisenden Schritt: den Zusammenschluss der Kliniken und angegliederten Einrichtungen zu einem Gesundheitsverbund namens Regiomed. Mit dem Ziel, eine gute flächendeckende und wohnortnahe Versorgung aufrechterhalten zu wollen. Das ist bisher sehr gut gelungen.
Grundsätzlich sehe ich keine Größenklassifizierung, welche nicht übernommen werden könnte; das zeigt das aktuelle Beispiel der Paracelsus-Kliniken. Die Regiomed-Kliniken sind stabil, wir haben auch in diesem Jahr einen Überschuss erzielen können und sind durch unsere Gesellschafterstruktur besonders stark in der Region verwurzelt. Darüber hinaus bildet der Regiomed-Verbund einen deutlichen Schwerpunkt in Oberfranken und Südthüringen. Aufgrund dieser Ausgangslage ist eine "Übernahme", gleich welcher Art, nicht angezeigt.


Wie kann Regiomed bestehen? Muss der Konzern weiter wachsen, um überleben zu können? Und wenn wachsen: Durch Zukäufe und Übernahmen wie der Rehaklinik Masserberg, durch zusätzliche Geschäftsfelder wie die hausärztliche Versorgung? Oder was käme noch in Frage?
Zur Weiterentwicklung und weiteren Stärkung des Verbunds ist Mut in neue innovative Wege eine entscheidende Grundvoraussetzung. Der enge politische Rahmen macht kluge Investitionen und eine stetige Prüfung der Organisation sowie Struktur unabdingbar, um die Herausforderungen meistern zu können. Die positive Entwicklung der Einrichtungen bestätigt, dass die Anstrengungen der Verbundentwicklung ihre Wirkung entfalten.
Die Frage nach der Zukunft stellt sich nicht nur Regiomed, sondern gilt für die bundesdeutsche Krankenhauslandschaft. Ein Wachstum wird durch zunehmend erschwerte Auflagen der Gesetzgebung und des Gesundheits-Bundesausschuss gebremst. Für die deutschen Krankenhäuser gibt es, pauschaliert ausgedrückt, nur zwei Wege, sich zu behaupten: strenge Kostenkontrolle bzw. -reduktion oder Wachstum. Der Regiomed-Verbund verfolgt momentan den Weg, Wachstum organisch herbeizuführen. Das heißt, wir wollen unsere Patienten durch neue und diversifizierte Leistungsangebote noch wohnortnäher versorgen. Parallel hierzu achten wir auf unsere Kostenstruktur. Eine weitere Ausdehnung in den ambulanten Bereich findet nur statt, wenn wir Praxisinhaber und die Kommunen unterstützen können, eine fachärztliche Versorgung in der Region aufrechtzuerhalten. Die Übernahme von ambulanten Leistungen geschieht nicht aus monetären Interessen, keinesfalls wollen wir in Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten gehen. Eine langfristige Strategie zur Übernahme anderer Gesellschaften ist zurzeit nicht angedacht, aber ich persönlich glaube, dass eine Vergrößerung kommunaler Gesellschaften sinnvoll ist. Im Übrigen wird die Rehabilitationsklinik Masserberg nur im Management übernommen und dient einer deutlichen Verbesserung der medizinischen Versorgung aller Regiomed-Standorte.

Regiomed bietet einen eigenen Medizin-Studiengang an. Das war seinerzeit sicherlich ein Coup. Wie entwickelt sich das Angebot? Wird es noch nachgefragt? Gibt es andere Kliniken/Regionen, die sich anschließen oder versuchen, etwas ähnliches aufzuziehen?
Auch in diesem Jahr können wir wieder 30 Studenten nach Split entsenden. Parallel bereiten wir die Rückkehr des ersten Studiengangs 2019 zum klinischen Teil des Studiums an die angeschlossenen Regiomed-Kliniken vor. Nach wie vor erfreut sich unser Konzept eines großen Interesses, insbesondere auch durch Nachfragen und Bewerbungen aus der Region. Schon zu Beginn unserer Kooperation gab es Anfragen von anderen Kliniken und Kommunen, die sich um den ärztlichen Nachwuchs sorgen. Wir freuen uns natürlich, wenn wir auch hierbei als Vorbild für andere Unternehmen gesehen werden. Unser Ansatz war, eine Kooperation mit einer staatlichen Universität und einer renommierten Fakultät zu schließen. Momentan existieren aber auch andere Modelle in Deutschland, beispielsweise mit privaten Universitäten im Ausland.

Inwieweit unterstützt Regiomed die Strukturpolitik der Gesellschafter? Oder anders herum: Besteht nicht die Gefahr, dass Regiomed auf Druck der Politik unrentable Einrichtungen übernimmt? Wie frei kann der Geschäftsführer dieses Konzerns agieren? Sie haben auch etliche MVZ gegründet, um dem Hausarztmangel zu begegnen.
Die Aufsichtsräte und Gesellschafter der Regiomed-Kliniken sind in der Lage, wirtschaftliche Entscheidungen des Verbunds und politische Interessen zu trennen. Letztendlich nützt es keinem Politiker, ein waghalsiges Eigeninteresse auf Kosten des Verbundes durchzudrücken. Weitreichende Beschlüsse werden sorgsam geprüft und bis zur Entscheidungsreife für den Aufsichtsrat vorbereitet. Nach vielen Jahren im Klinik-Management behaupte ich, Nutzen und Risiken für den Verbund gut abschätzen zu können.

Sie haben Pläne für einen "Medical Campus" auf dem BGS-Gelände vorgestellt. Überrascht Sie die heftige Kritik aus dem Coburger Kreistag? Wie ist zu gewährleisten, dass Regiomed dieses Projekt stemmen kann, ohne dass die Gesellschafter (Stadt und Landkreis Coburg) zuschießen müssen? Sieht das Finanzierungsmodell den Verkauf der Liegenschaften in Coburg-Ketschendorf vor?
Das Klinikum Coburg nimmt in der Region einen wichtigen Platz ein und gerade auch als wichtiger Standortfaktor für den Wirtschaftsraum Coburg. Das Gebäude des Klinikums entspricht nach über 30 Betriebsjahren mittlerweile nicht mehr den Ansprüchen, die ein Klinikum mit dem vorhandenen Leitungsspektrum erfüllen muss. Ich freue mich, dass die Kreisräte ihre Aufgaben zum Wohl des Landkreises ernst nehmen. Eine Sanierung des Gebäudekomplexes in der Ketschendorfer Straße und Neubau eines Erweiterungsbaus für 120 zusätzlich genehmigte Betten wird sich aber definitiv nicht vermeiden lassen - ganz abgesehen von einer Standortdiskussion.
Ich bin der Ansicht, dass ein jahrlanger Baubetrieb Patienten wie auch Mitarbeiter an die Grenzen der Belastbarkeit bringen wird. Und am Ende haben wir doch nur ein saniertes Gebäude, das nicht den heutigen Voraussetzungen an Struktur und Organisation entspricht. Deswegen befürworte ich eine Neubaulösung auf dem ehemaligen BGS-Gelände; dort können wir eine exzellente technologische und infrastrukturelle Ausstattung umsetzen, die sich vor allem auch an den Erfordernissen der bevorstehenden Digitalisierung orientiert.
Schade, dass die Diskussion der Finanzierung die Großartigkeit des Projektes in den Hintergrund rückt. Sicherlich werden finanziellen Beteiligungen, Fördermittelflüsse, Finanzierungsmodelle und Risiken erörtert werden müssen. Doch der Neubau verspricht ein Leuchtturmprojekt in vielerlei Hinsicht zu werden, und diese Chance sollten wir auch im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit der gesamten Region dringend nutzen! Auch diesen Aspekt werden die Kreisräte sicherlich bedenken.

Die zehn Jahre Regiomed verliefen nicht ganz konfliktfrei: Spannungen zwischen Arbeitnehmervertretern und Gesellschaftern, Streit um Ihre Vorgängerin, ... Gehören solche Konflikte zum Alltag im Gesundheitswesen (weil es ja um eine Sache geht, die alle Menschen betrifft und bei der die Wähler sensibel reagieren, was wiederum die Kommunalpolitiker sensibilisiert), oder sehen Sie bei Regiomed Bruchlinien, die sozusagen einzigartig sind?
Gerade das Thema regionale Gesundheitsversorgung ist ein Bereich, der jeden betrifft - Politiker, wie Bürgerinnen und Bürger und auch Mitarbeiter gleichermaßen. Nach vielen Jahren in anderen Verbünden und Klinikkonzernen kann ich sagen, dass die Herausforderungen, denen sich der Regiomed-Verbund stellt, ebenso in anderen Gesundheitsunternehmen aktuell sind. Da macht die Region keinen Unterschied. Dennoch ist die Vielfalt auf regional begrenztem Raum bei Regiomed sehr groß, was standortbezogen zu einigen Unterschieden in der äußeren Betrachtungsweise führen kann.

Sie haben nun Ihren Rückzug angekündigt, ihr Nachfolger ist schon ausgewählt. Das Übergabedatum bestimmt ihr Nachfolger - Alexander Schmidtke verlässt das Klinikum Augsburg im Lauf des nächsten Jahres, wenn die Umwandlung in eine Uniklinik gelungen ist. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Der Aufsichtsrat ist meinem Rückzugswunsch gefolgt, wofür ich dankbar bin. Alexander Schmidtke ist ein ausgezeichneter Klinikmanager und wird den Verbund kompetent und zielstrebig durch die nächsten Jahre führen. Ich habe den Anspruch, den Verbund im besten Zustand an meinen Nachfolger zu übergeben. Falls es Auswirkungen auf meine Arbeit gibt, dann dass ich mein Wirken für den Verbund in Coburg und der Region noch nach besten Wissen vervollständigen will.

Mein Eindruck ist: Sie wirbeln ziemlich viel. Das kann produktive Unruhe bringen, aber manchmal ist die Unruhe schädlich für die Produktivität. Wie versuchen Sie, das auszubalancieren?
Gerade bei der Umsetzung von Projekten sollten sich Phasen von Anspannung und höchster Produktivität mit ruhigeren Phasen abwechseln. Nur leider ist das nicht immer ganz planbar. Ich versuche schon, hier ein Gleichgewicht zu halten. Generell sehe ich mich in erster Linie auch als Impuls- und Ideengeber für die Weiterentwicklung des Verbundes mit dem Ziel, die wohnortnahe Versorgung in der Region nachhaltig zu sichern.