Wenn Jörg Rheinländer über Big Data spricht, klingt alles ganz einfach. Es sei eine Frage der Rechnerleistung und der Software. Beides sei, dank Google und anderen großen Datensammlern, längst vorhanden. Das nutze auch die HUK-Coburg, erläutert Rheinländer, als Mitglied des HUK-Coburg-Vorstands zuständig für die Autoversicherung und die Haftpflicht-, Unfall- und Sachversicherungen.

Aber wo beginnt "Big Data"? "Wenn Sie paralleles Rechnen machen müssen", sagt Rheinländer. Wenn die Datenmenge so groß ist, dass ein Computer sie nicht mehr bewältigen kann, sondern mehrere Rechner parallel jeder einen Teil der Daten verarbeiten, um - ja - was zu suchen? Das, so Rheinländer, sei die spannende Frage, und deshalb habe die HUK-Coburg inzwischen Physiker aus der Elementarteilchen-Forschung eingestellt, "weil die mit so was Erfahrung haben". Auch bei der Suche nach Elementarteilchen gehe es darum, aus immens großen Datensätzen Informationen zu ziehen. Letztlich werden Vermutungen (Hypothesen) aufgestellt, welche Muster die Daten unter bestimmten Voraussetzungen wohl bilden würden. Und dann wird geschaut, ob es diese Muster gibt.
Mit großen Datenmengen sind Versicherungen wie die HUK-Coburg schon seit langem umgegangen. 11,5 Millionen Kunden der Kfz-Versicherungen machen viele Angaben über sich: Wohnort, Fahrzeugtyp, wie das Auto finanziert wurde ... Das und noch weitere Daten über die Schadenshäufigkeit in bestimmten Regionen fließen bei der HUK-Coburg in die Tarifkalkulation ein. Bevor er Vorstand wurde, war Rheinländer Chef dieser Abteilung. "Die Branche war immer der Meinung, sie macht Big Data. Nun wissen wir: Seit wir Telematik haben, machen wir Big Data."

Argumente: Rabatt und Sicherheit
"Telematik" steht für die neuen Versicherungstarife, bei denen eine Box im Auto das Fahrverhalten aufzeichnet und die Messwerte an die HUK-Coburg sendet. Genauer gesagt, an eine Tochterfirma, die nichts über den Kunden weiß. Sie erhält lediglich die Fahrdaten - mehrere pro Sekunde - und errechnet für jede Box einen Score, wie sicher der Fahrer unterwegs ist. Wer gut ist, erhält einen Rabatt auf seinen Versicherungstarif. Die Versicherungsgesellschaft erhält lediglich den Score-Wert, keine weiteren Daten über das Fahrverhalten ihres Kunden.

Was einen guten Fahrer auszeichnet, ist, ganz banal, dass er sich an die Regelgeschwindigkeit hält, nicht zu stark beschleunigt oder bremst. Das ist es, was die Box erfasst: Sie zeichnet die GPS-Daten auf, weiß also, welche Straße das Auto befährt und welche Tempolimits dort gelten. Weil die HUK inzwischen 60 000 Fahrzeuge mit ihren Telematikboxen ausgestattet hat, weiß man dort zum Beispiel auch ziemlich rasch, ob neue Tempolimits erlassen oder aufgehoben wurden. Denn dann verändert sich das durchschnittliche Fahrverhalten auf der fraglichen Strecke, und die HUK-Coburg passt ihre Straßenkarten entsprechend an.

Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Die HUK-Coburg verkauft ihre Telematiktarife zum einen mit dem Rabatt-Argument, zum anderen mit dem der zusätzlichen Sicherheit. Erkennt ein eigener Chip in der Box anhand der Messdaten, dass ein Unfall geschehen sein muss (er nutzt dafür die gleichen Messpunkte wie der Airbag), dann alarmiert er das Callcenter, bei dem auch die Anrufe von den Notrufsäulen an Autobahnen einlaufen. Dort versucht man dann, den Fahrer zu erreichen.

Mindestens einmal habe die Telematikbox schon ein Autofahrerleben gerettet, sagt Rheinländer: Ein Unfall passierte im Landkreis Kronach, die Fahrerin war nicht mehr ansprechbar, aber die Retter waren dank der Telematikbox sofort alarmiert. Seit 1. April müssen Neuwagen von vornherein mit der sogenannte E-Call-Funktion ausgestattet sein.

Die Rückmeldung übers eigene Fahrverhalten ist ein weiteres Werbeargument für den Telematiktarif, den die HUK-Coburg vorläufig nur jungen Fahrern anbietet. "Für die Eltern ist das die Fortsetzung des begleiteten Fahrens", sagt Rheinländer. Per App erhält der Fahrer Rückmeldung über sein Fahrverhalten aufs Smartphone mit Tipps wie "Überprüfen Sie Ihr Bremsverhalten" und dem Hinweis, wie viel er sparen könnte.

Wem gehören die Daten?

Die Daten aus den Telematikboxen bleiben vertraulich, betont Rheinländer: Lediglich der Kunde wird über sein Fahrverhalten informiert. Einzige Ausnahme: Das Auto wurde gestohlen, und sowohl der Eigentümer als auch die Staatsanwaltschaft stimmen zu, dass die Daten aus der Box genutzt werden, um es aufzuspüren. Aber sonst nicht - auch nicht, um die Fahrten des vermeintlich untreuen Ehepartners verfolgen zu können, wie Rheinländer betont. "Unser Standpunkt ist: Die Daten gehören dem Kunden."

Da bekommt das Thema auch eine politische Dimension. Auch die Automobilindustrie baut schon Telematikboxen ein, die mehr können, als einen E-Call abzusetzen. Zumindest Daimler hat schon eigene Versicherungstarife auf Basis der Telematikdaten angekündigt. Damit würden die Automobilkonzerne den Versicherungen auf deren Terrain Konkurrenz machen.

Deshalb, sagt Rheinländer, müsse der Kunde entscheiden können, an wen die Daten aus seinem Auto fließen und nicht die Automobilindustrie, die die Box einbaut. Die Gespräche über dieses Thema laufen schon in Brüssel auf EU-Ebene, denn die Hersteller "wollen die Daten natürlich behalten", wie Rheinländer sagt. Denn so könne die Industrie den Kontakt zu den Autobesitzern, den Kunden halten, egal, wie oft das Auto weiterverkauft wird. An den Kundendaten sind aber auch andere interessiert, wie Google und Amazon. Die individuellen Daten aus jeder Box sind das eine. Das andere sind die gebündelten Messwerte aus allen Boxen, die nicht nur dazu genutzt werden können, geänderte Tempolimits zu entdecken. Erste Erkenntnis: Wer meist korrekt und sicher fährt, baut weniger Unfälle. Oder andersherum: Wer einen Unfallschaden hat, ist meist schneller unterwegs als der Durchschnitt, beschleunigt und bremst heftiger. "Das haben wir immer schon vermutet, aber nun können wir es auch belegen", sagt Pressesprecher Holger Brendel.

Aber noch stehe man mit der Auswertung dieser Daten ganz am Anfang, sagt Rheinländer. Seit eineinhalb Jahren bietet die HUK-Coburg den Telematiktarif an, aber sie habe in Sachen Datenverarbeitung schon einen Vorsprung auf die Automobilindustrie. Doch die Konkurrenz schläft nicht. "Wenn wir diese Entwicklung nicht mitmachen, haben wir in fünf Jahren den Zug komplett verpasst", sagt Rheinländer. "Das ist eigentlich unsere Hauptmotivation."