Sie wollen anonym bleiben. Mehrere Frauen, die im Seniorenwohnheim Bertelsdorfer Höhe arbeiten, das früher "Am Schießstand" hieß. Doch es ist nicht nur der Name neu: Seit 1. Juni ist der Betreiber eine neue gegründete Tochtergesellschaft des Klinikkonzerns Regiomed, die das Seniorenheim von der in Konkurs gegangenen Schwesternschaft Coburg übernommen hat.
Bei einem solchen Betriebsübergang gelten per Gesetz alle bestehenden Verträge ein Jahr weiter. Doch die Regiomed Seniorenwohnzentrum gGmbH legte den Beschäftigten schon wenige Woche nach der Betriebsübernahme neue Arbeitsverträge vor. Wer unterschrieb, akzeptierte ein niedrigeres Gehalt: zehn Prozent weniger brutto, ein Tag weniger Urlaub, das 13. Monatsgehalt ist weg. Deshalb wandte sich eine betroffene Person schon im August ans Tageblatt, weil sie das für ein Unding hielt. Aufgrund der Berichterstattung meldeten sich nun erneut Beschäftigte, die ihre Sicht der Dinge darlegen wollten: "So brutal, wie es geschildert wurde, ist es nicht", sagt eine. "Ich bin nicht unter Druck gesetzt worden." Einige Beschäftigte hätten durch eine bessere Eingruppierung ihrer Tätigkeit sogar ein höheres Gehalt als vorher.


Besser als üblich

Vor allem sind die Frauen froh, dass ihr Seniorenzentrum weiterbesteht und sie ihre Jobs noch haben. "Wir haben das billigend in Kauf genommen, weil wir unsere Arbeitsplätze sichern wollen", sagt eine. "Weil wir unseren Job und die Bewohner lieben", ergänzt eine andere. Während der Insolvenzmonate seien einige gegangen, erzählen sie. Diejenigen, die blieben, hätten schon mal auf ihr Gehalt warten müssen. Und, ja: Die Schwesternschaft habe besser bezahlt als es andernorts üblich sei.
Das bestätigt Martin Jung, der fürs Personal zuständige Geschäftsführer von Regiomed. Die Schwesternschaft habe im Seniorenwohnzentrum Vergütungen gewährt, "die nicht nachvollziehbar sind" - sie hätten weit über dem Tarif des Roten Kreuzes und auch weit über den Tarifsätzen des öffentlichen Dienstes gelegen.
"Wir haben kalkuliert, dass das Haus mit zehn Prozent weniger Kosten zu führen sein müsste", sagt Jung. Und die abgesenkten Gehälter seien für den Pflegebereich immer noch gut. "Es gibt immer noch Stundenlöhne zwischen elf und 13 Euro." Die Arbeitsverträge seien nicht befristet, und das Haus werde ebenfalls unbefristet weitergeführt. Außerdem sei Regiomed bereit, die Gehälter wieder zu erhöhen, wenn sich die Lage für das Seniorenwohnheim bessert, versichert er.
Den Beschäftigten zufolge sind einige frühere Arbeitskräfte wieder ins Seniorenzentrum zurückgekehrt, nachdem sie es woanders versucht hatten. "Woanders gibt es nur den Mindestlohn", sagt eine. Das gelte vor allem für die un- und angelernten Kräfte oder die im Hauswirtschaftsbereich.


Neueinstellungen vorgenommen

Jung zufolge verfügt das Haus inzwischen wieder über die erforderliche Zahl an Fachkräften, so dass es wieder voll belegt werden kann. "Wir haben ordentlich eingestellt in den letzten Monaten." Auch eine neue Heimleitung wurde installiert. "Eine Powerfrau", wie die Beschäftigten im Gespräch mit dem Tageblatt bewundernd feststellen.
Einen Betriebsrat gibt es in dem Seniorenzentrum bislang nicht. Zu Zeiten der Schwesternschaft waren viele Beschäftigte dort Mitglied; bei den Schwesternschaften gibt es traditionell keine Betriebsräte. Inzwischen hat sich der Konzernbetriebsrat von Regiomed für zuständig erklärt, was auch vom Gesetz so vorgesehen ist. Schon vorher hatten sich Beschäftigte aus dem Haus an den Konzernbetriebsrat gewandt, berichtet dessen Vorsitzender Martin Lücke. "Diejenigen, die kamen, hatten Fragen zur aktuellen Situation. Deshalb wollen wir jetzt zeitnah eine Betriebsversammlung einberufen."
"Wir wollen, dass wieder Frieden einkehrt", sagen die Frauen. Die Berichterstattung über die Lohnabsenkung habe zu Verunsicherung bei Bewohnern und ihren Angehörigen geführt. Auch das Klima im Haus habe darunter gelitten. Eine der Frauen wird deutlich: "Wem es nicht passt, der soll gehen." Die anderen nicken.