Thomas Scheller ist wütend. Schon wieder einmal sieht sich der Hausarzt dem Verdacht ausgesetzt, er nehme womöglich Geld von Kliniken oder anderen medizinischen Einrichtungen, wenn er ihnen seine Patienten schickt. Vertreter des Spitzenverbandes der Krankenkassen stellen jetzt zum wiederholten Mal sowohl Ärzte als auch Kliniken unter Generalverdacht. "Die kassieren selbst Gehälter im sechsstelligen Bereich und leisten dafür nur Lobbyarbeit", schimpft er. Schon 2009 hatten sich die Ärzte mit dem Vorwurf der Bestechlichkeit auseinandersetzen müssen.
Daraufhin hatten viele Coburger Mediziner in ihren Praxen eine eidesstattliche Erklärung aufgehängt und darauf hingewiesen, dass sie sich nicht bestechen lassen. Einige dieser Erklärungen hängen heute noch, zum Beispiel bei Thomas Scheller. "Wir fühlen uns nur unseren Patienten verpflichtet und überweisen sie, wenn nötig, dorthin, wo sie die beste Behandlung bekommen", sagt der Hausarzt.

Ein Fall für den Staatsanwalt


Der Internist Helmut Keller gibt zu bedenken, dass eine Bestechung, wie sie den freiberuflichen Medizinern vorgeworfen werde, ein Fall für den Staatsanwalt wäre, also strafbar ist. "Das verbietet allein schon unsere Berufsordnung. Wir entscheiden bei Überweisungen nach fachlich-medizinischen und nicht nach finanziellen Gesichtspunkten", betont er. Der Hausarzt Oliver Gregor sieht die erneuten Verdächtigungen im Zusammenhang mit dem derzeit stattfindenden Ärztetag. Dort werde sicher wieder die Forderung nach mehr Geld für die Ausbildung von Ärztenachwuchs gestellt. "Da wird schon einmal vorgebeugt, indem die Ärzte kriminalisiert werden."
Oliver Gregor und mit ihm viele andere Mediziner fürchten schon lange, dass der Freiberufler abgeschafft und dessen Patienten durch aktienorientierte Konzerne übernommen werden sollen. "Und die Krankenkassen hätten uns gern als ihre Dienstboten." Dem stimmt Thomas Scheller zu. "Wir Freiberufler stören nur das System." Er sieht enge Interessensverknüpfungen zwischen Politik, Krankenkassen und Politik.
Im Übrigen richtet sich der Vorwurf der Bestechlichkeit nicht nur gegen die Ärzte, sondern auch gegen die Kliniken, die den Ärzten Geld für freundliche Zuweisungen bieten sollen. Dazu sagt der Geschäftsführer des Coburger Klinikums, Mario Bahmann: "Dieser Vorwurf ist nicht neu. Und gerade, weil wir diese Haltung kennen, gehen wir mit diesen Dingen sehr sensibel um. Den Ärzten Geld zu bieten, kommt für uns nicht in Frage." Vielleicht komme so etwas in Ballungsgebieten vor, wo der Verdrängungswettstreit groß sei, nicht aber bei Regiomed.

Ärzte bilden Nachwuchs aus


Enge Verbindungen zwischen niedergelassenen Ärzten und Klinikum gibt es in Coburg dennoch - wenn auch auf ganz anderer Basis. Junge Ärzte, die am Klinikum ausgebildet werden, können den praktischen Teil dieser Ausbildung in den Praxen der niedergelassenen Ärzte absolvieren. "Und dabei fließen keine Gelder", sagt der Allgemeinmediziner Bernhard Hillenbrand. Es gebe separate Arbeitsverträge im Klinikum und in der Praxis. Selbst den erhöhten Arbeits- und Zeitaufwand ließen sich die ausbildenden Ärzte nicht gesondert honorieren.