Er kommt aus dem Norden und ist jetzt im Süden auch wieder "ganz oben": Der 49-jährige Klaus-Jürgen Heitmann ist neuer Vorstandssprecher der HUK-Coburg. Die Versicherungsgruppe ist mit 11,2 Millionen versicherten Fahrzeugen Deutschlands - mit Abstand - größter Kfz-Versicherer.

Die HUK-Coburg ist sehr gut aufgestellt. Deutschlands größte Kfz-Versicherer - nach der Zahl der versicherten Fahrzeuge - ist man sowieso schon. Wo wollen oder können Sie da überhaupt als neuer Vorstandssprecher noch neue Akzente setzen?
Klaus-Jürgen Heitmann: Wir wollen in allen Sparten weiter wachsen. Denn Wachstum ist gesund für das Unternehmen und bedeutet Arbeitsplatzsicherheit für unsere Mitarbeiter - und das ist in unserer Branche derzeit nicht selbstverständlich. Um weiter wachsen zu können, müssen wir für unsere Zielgruppen attraktiv bleiben. Das heißt: günstiger Preis, guter Service. Welche Position wir bei Größenvergleichen mit anderen Versicherern in irgendwelchen Ranglisten haben, hat für uns dabei nicht die höchste Priorität.

Von Vergleichsportalen werden ja oft Preisranglisten erstellt. Bei denen ist die HUK aber oft außen vor. Warum?
Wir werden oft gefragt, ob wir uns wohl nicht trauen würden, preislich verglichen zu werden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Am liebsten würden wir uns dauernd vergleichen lassen - allerdings nicht zu dem Preis, den Vergleichsportale verlangen. Denn diese Portale verfolgen ja finanzielle Interessen und nehmen deshalb Provisionen. Das muss dem Verbraucher bewusst sein. Hier handelt es sich nicht etwa um "Stiftung Warentest online".

Kann sich die HUK diesem Trend, dass Kunden zunehmend diese Portale nutzen, dauerhaft verschließen?
Natürlich muss sich die HUK im Kontext der Digitalisierung weiter rüsten. Wir leben davon, dass der Kunde direkt zu uns kommt, ohne teuren Mittler. Diesen direkten Draht zum Kunden wollen wir auch nicht verlieren. Aber genau das wird die neue Herausforderung sein. Denn der Einfluss der Vergleichsplattformen ist enorm. Gerade in der Wechselsaison zum Jahresende läuft bereits jetzt ein Großteil über Vergleichsportale.

Und obwohl die HUK dort nur marginal präsent ist, ist sie so erfolgreich?
Ja, wir haben jetzt drei Mal in Folge Neukunden-Rekorde aufgestellt.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Mit unseren guten Angeboten, unserer hohen Markenbekanntheit und motivierten Mitarbeitern.

In der Automobilbranche ist derzeit viel in Bewegung. Konzepte zum autonomen Fahren werden immer konkreter. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für einen großen Versicherer wie die HUK? Denn wenn keine Unfälle mehr passieren können, braucht es ja eigentlich auch gar keinen Kfz-Versicherer mehr.
Durch den Einbau von immer mehr Assistenzsystemen im Auto werden die Unfälle und damit die Schäden reduziert - das stimmt. Aber wir rechnen mit den Effekten erst langfristig. Derzeit gibt es rund 45 Millionen Pkw in Deutschland, jährlich werden etwa drei Millionen Autos neu angeschafft, etwa zwei Millionen Autos werden stillgelegt. Hinzu kommt, dass das Durchschnittsalter eines Autos, das derzeit bei neun Jahren liegt, wächst. Das heißt: Es dauert noch, bis alle Autos über die entsprechenden Systeme und Assistenten verfügen.
Aber selbst, wenn es so weit ist: Durch die neue Technik werden zwar Unfälle reduziert, aber der einzelne Unfall wird teurer. Nur ein Beispiel: Wenn ein Auto über LED-Scheinwerfer verfügt, dann erhöht das die Sicherheit. Aber wenn ein solcher Scheinwerfer dann doch mal bei einem Zusammenstoß kaputt geht, muss gleich die ganze Komponente ausgetauscht werden. Da ist man schnell bei über 1000 Euro.

Ungeklärt ist beim autonomen Fahren noch die Haftungsfrage.
Wir sind da ganz klar für die Halterhaftung. Denn egal, ob Mensch oder Maschine einen Fehler gemacht hat: Hauptsache ist doch, dass das Opfer zügig seinen Schadensersatz erhält. Aber wenn erst der Fahrzeughersteller verklagt werden muss, weil denen ein Fehler im autonomen Fahrsystem vorgeworfen wird, kann das dauern.

Ist dieser sehr dynamische Wandel in der Autobranche auch ein Grund dafür, dass Sie sich schon mal nach anderen Standbeinen umschauen? In Düsseldorf gibt es mit der HUK-Autowelt bereits ein Autohaus.
Wir müssen perspektivisch denken und für unsere Kunden noch relevanter werden. Das Autohaus in Düsseldorf, bei dem es junge Gebrauchtwagen zu kaufen gibt, ist ein Test. Ansonsten wollen wir bei unserem Netzwerk an derzeit rund 1500 Partnerwerkstätten ansetzen. Ziel ist es, 300 davon in den nächsten Jahren zu "Rund-um-Service"-Werkstätten auszubauen. Das heißt: Sie sollen nicht mehr nur Versicherungsreparaturen vornehmen, sondern zum Beispiel auch einen Öl- oder Reifenwechsel. Etwa die Hälfte unserer Partnerwerkstätten sind freie Werkstätten, für die wir eine Marke aufbauen wollen. Wir wollen da sichtbarer werden.

Von welcher Dimension eines möglichen Wachstums reden wir da?
Wir haben rund vier Millionen Kunden, die mit dem Select-Tarif unsere Partnerwerkstätten nutzen. Der Umsatz in unserem Partnerwerkstattnetz betrug zuletzt bereits 800 Millionen Euro, aber nur mit Versicherungsreparaturen. Daran erkennt man die ganze Kraft der HUK, die wir noch weiter nutzen wollen.

Die HUK ist aber ja mehr als nur der Kfz-Bereich. In welchen anderen Bereichen sehen Sie noch Entwicklungsmöglichkeiten?
Bei den Haftpflicht-, Unfall- und Sachversicherungen sowie in der Rechtschutzversicherung wollen wir trotz stagnierender Märkte unser erfreuliches Wachstum fortsetzen. Wir haben beziehungsweise kommen in diesen Sparten auch in sehr relevante Positionen im Markt.
Bei der privaten Krankenversicherung hoffen wir, dass das duale System in Deutschland erhalten bleibt. Andernfalls würde die Versorgung schlechter werden, denn Ärzte sind auf eine Mischkalkulation aus privater und gesetzlicher Versicherung angewiesen.
Zur Lebensversicherung stehen wir - trotz der aktuell niedrigen Zinsen - ohne Wenn und Aber. In der Altersversorgung hat die Lebensversicherung ihren festen Platz. Deshalb haben wir auch unser Grundkapital in diesem Bereich um eine Milliarde Euro erhöht.



Erste Begegnung an einem verregneten Novembertag


Vita Klaus-Jürgen Heitmann wurde am 27. März 1968 in Stade bei Hamburg geboren. Seinen ersten Kontakt nach Coburg hatte er 1996, als er bei der Unternehmensberatung Mummert & Partner tätig wurde - denn dort war sein erster Kunde die HUK-Coburg. "An einem verregneten Novembertag kam ich erstmals in die Stadt - aber es war trotzdem schön", erinnert er sichaugenzwinkernd. Seit 2003 ist er bei der HUK-Coburg tätig, 2004 rückte er in den Vorstand auf. Zum 1. August 2017 hat er als Vorstandssprecher die Nachfolge von Wolfgang Weiler angetreten. Klaus-Jürgen Heitmann ist verheiratet, hat drei Söhne und wohnt in Coburg. os