Gregor Gysi gilt als begnadeter Rhetoriker. Auch am Mittwoch im Kongresshaus bewies er das eindrucksvoll. Da kann er sich zwar Seitenhiebe auf ehemalige West-Politiker nicht verkneifen: "Bei der Wiedervereinigung sind Fehler begangen worden - aber die Bundesrepublik hat sich leider nicht für den Osten interessiert." Er spart aber auch nicht an staatsmännischen Aussagen ("Die Deutsche Einheit ist ein großer Gewinn"), die er mit selbstironischen Anmerkungen würzt: "Dass die SED einen Typen wie mich 1989 zum Vorsitzenden gemacht hat, zeigt den damaligen Grad der Verzweiflung der Partei." Oder mit Analysen wie diesen: "Einen alten Ost-Berliner müsste man totschlagen als dass er nach West-Berlin zieht. Und während das für einen alten West-Berliner umgekehrt genauso gilt, hat die jetzige Generation gar kein Problem mehr damit. Und das ist unsere große Chance!"
Damit sind wir auch schon mittendrin in der Thematik der Veranstaltung: Schüler sprachen mit "Zeitzeugen" über die Jahre 1989 bis 1991 (dazu auch Infotext unten: "Das Europa-Projekt").

Hartan: "Sehr befremdlich!"

Dass es dem Direktor des veranstaltenden Gymnasiums Ernestinum, Bernd Jakob, gelungen war, Gregor Gysi von der Linkspartei nach Coburg zu holen, gefiel aber nicht jedem. "Sehr befremdlich" fand das allen voran der Coburger CSU-Stadtrat Hans-Herbert Hartan, der dies Jakob auch schriftlich mitteilte, nachdem zu der Veranstaltung alle Stadträte eingeladen worden waren. Hartan ("Ausgerechnet Gysi! Zu diesem Thema!") ärgerte sich zudem darüber, dass außer Gysi mit der ehemaligen Bundesministerin Renate Schmidt und Coburgs Ex-OB Norbert Kastner (beide SPD) noch zwei weitere "Politiker des linken Spektrums" auf dem Podium saßen. Und sonst niemand.

"Ich habe versucht, jemanden von CSU oder CDU zu bekommen", bat Jakob am Rande der Diskussion um Verständnis. "ich habe keinesfalls einseitig eingeladen!" Doch die Europaabgeordnete Monika Hohlmeier etwa habe keine Zeit gehabt. Aber damit zurück zur eigentlichen Veranstaltung, bei der nur ganz zum Schluss ganz kurz etwas Parteiwerbung aufblitzte. Aber Renate Schmidt, die ihre Kindheit zum Teil in Coburg verbrachte und das Alexandrinum besuchte, schaffte in ihrem Schlussappell an die lauschenden Schüler von allen vier Coburger Gymnasien noch die Kurve: "Mischt Euch ein! Engagiert Euch politisch! ...am liebsten in der SPD - aber gerne auch bei einer anderen Partei!"

Norbert Kastner, für den es am Mittwoch der erste öffentliche Auftritt in Coburg als Ex-OB war, berichtete, wie weit abgelegen die Vestestadt bis 1989 war: "Im Frühjahr 1990 kündigte sich eine Reporterin des BR aus München an und wollte wissen, ob sie in Bamberg noch mal tanken müsse oder ob bis Coburg noch eine Tankstelle komme." Rückblickend kam Kastner zu der Analyse: "Coburg hat sich nach 1989 neu definiert!"

Liebenswürdiger "Ossi"

Zum Verhältnis der Menschen merkte er augenzwinkernd an: "Der Begriff ,Ossi' war vor 20 Jahren kritisch gemeint. Inzwischen ist er liebenswürdig."

Und trotzdem: "Die anfängliche Freude nach dem Mauerfall hat mir zu kurz gedauert", kritisierte Renate Schmidt. Sehr schnell sei damals Neid aufgekommen. Kastner verwies auf "handwerkliche Fehler", die im Zuge der Wiedervereinigung bei der Wirtschaftsförderung begangen wurden: "Die Menschen haben es nicht verstanden, warum eine Firma 500 Meter von West nach Ost umzieht, dort null neue Arbeitsplätze schafft, aber 90 Prozent Förderung erhält."

Gysi: "Nicht alles war schlecht!"

Apropos Wirtschaft: Gregor Gysi, dem manch einer eine Ost-Nostalgie unterstellen mag, gab zu, dass die DDR eine "Mangelwirtschaft" und 1989 auch "politisch am Ende" gewesen sei. Aber leider habe der Westen anschließend nichts vom Osten übernommen, obwohl fünf Prozent der Dinge in der DDR "gar nicht so schlecht" waren, beispielsweise die Polikliniken oder besondere Bildungswege.

Schülern vom Ernestinum sowie aus Ungarn, Polen und Tschechien überreichten zum Abschluss allen Zeitzeugen fränkische Literatur, Kastner bekam einen Biergartenführer. Gysi wollte aber auch "live" sehen, wo er an diesem Tag zu Gast war: Auf seinen besonderen Wunsch hin ließ er sich von seinem Fahrer noch einmal quer durch die Stadt kutschieren.


DAS EUROPA-PROJEKT


Das Projekt Seit September 2012 arbeiten Schüler des Gymnasiums Ernestinum zusammen mit Partnerschulen aus Krakau, Prag sowie dem ungarischen Siofok an einem von der EU geförderten Comenius-Projekt mit dem Thema "Mitten in Europa - Deutschland und seine östlichen Nachbarn 25 Jahre nach dem großen Umbruch". Die Schüler recherchierten, befragten Zeitzeugen und unternahmen auch Exkursionen. Nach einer einwöchigen Auftaktveranstaltung im Oktober 2012 in Coburg, trafen sich die Schüler vergangenes in Prag und in Krakau und im Frühjahr diesen Jahres in Siofok, um ihre gemeinsame, länderübergreifende Arbeit fortzusetzen.

Das Finale Derzeit findet in Coburg die Abschlusswoche statt, bei der auch eine gemeinsam erstellte Broschüre vorgestellt wird. Die 39 Jugendlichen aus den Partnerschulen werden in Gastfamilien von Schülern des Ernestinums untergebracht. Zum Rahmenprogramm gehört auch eine Fahrt nach Nürnberg zum NS-Dokumentationszentrum. Höhepunkt der Woche war aber zweifellos die Podiumsdiskussion am Mittwoch. ct