So hatte er sich sein Dienstende sicherlich nicht vorgestellt: Nach 45 Jahren, wenige Monate vor seiner Pensionierung, musste sich jetzt ein Sportlehrer einer Coburger Grundschule vor dem Amtsgericht verantworten - angeklagt wegen Körperverletzung im Amt gegen einen Erstklässler. Er wurde zu 90 Tagessätzen in Höhe von je 100 Euro verurteilt. Zahlreiche Kollegen haben den Prozess verfolgt, berichtet Reporter Constantin Hirsch von Radio Eins.
Der 64-Jährige sei ein netter aber auch strenger Lehrer gewesen. Darin waren sich die Erstklässler einig, die als Zeugen vernommen wurden, heißt es in dem Bericht. Sie waren sich aber auch darin einig, dass dem Sportlehrer bewusst die Hand ausgerutscht sei. Damit habe der Lehrer eine rote Linie überschritten, so das Gericht. Es verhängte aber mit 90 Tagessätzen die Mindeststrafe, da der Sportlehrer sich in seinen 45 Dienstjahren nie etwas habe zu Schulden kommen lassen und die Verletzung nur leicht gewesen sei. Erst ab 91 Tagessätzen gilt ein Verurteilter als vorbestraft, erklärt Gerichtssprecher Ingo Knecht-Günter.


An der Lippe verletzt

Was wird dem Lehrer denn genau vorgeworfen? Es passierte am 10. März dieses Jahres im Sportunterricht in einer 1. Klasse der Grundschule. Weil ein Schüler seinen Anweisungen wiederholt nicht Folge geleistet habe, habe der Lehrer dem Jungen auf die Lippe geschlagen. Darin waren sich auch die Mitschüler einig, die vor der Kammer ausgesagt hatten.
Genau das reichte Richter Christian Lang am Ende aus, um zu einem Schuldspruch zu kommen. Der lautet auf Körperverletzung im Amt, geahndet mit 9000 Euro Geldstrafe. Drei Monate Gefängnis wäre in einem solchen Fall die Mindeststrafe. Der Gesetzgeber erlaubt aber, derartig geringe Freiheitsstrafen in Geldstrafen umzuwandeln. Macht 90 Tagessätze.


Rote Linie überschritten

Und genau um die Höhe der Strafe ging es am Ende. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl erlassen, gegen den hatte der Angeklagte Widerspruch eingelegt. Diesen wiederum hatte er nach der Anhörung der Zeugen wieder zurückgezogen - auch, um den Prozess nicht weiter in die Länge zu ziehen, wie der Verteidiger des Lehrers betonte. Die Höhe der Geldstrafe ist auch deswegen von Bedeutung, weil sie Auswirkungen auf ein Disziplinarverfahren haben könnte.
Wie der Personaljurist von der Regierung von Oberfranken, Martin Steiner, am Dienstag auf Nachfrage erklärte, sei nicht sicher, ob es zu einem Disziplinarverfahren komme. Im Artikel 15 des Disziplinargesetzes sei nämlich verankert, dass bei einer rechtmäßigen Verurteilung wegen des selben Sachverhalts keine weitere Strafe möglich sei. Sollte jedoch das Ansehen des Berufs geschädigt sein, könnte der Fall an die Landesanwaltschaft Bayern weitergeleitet werden.
Durch die bevorstehende Pensionierung dürfte es jedoch kaum weitere Maßnahmen geben, mutmaßt Steiner, will sich aber nicht festlegen. Schließlich müsse erst das Urteil mit der Begründung schriftlich vorliegen.


Angst der Lehrer

Bei der Verhandlung waren auch viele Kollegen und sogar ehemalige Schüler des Lehrers im Zuschauerraum. Den Lehrern ging die Angelegenheit schon sehr nahe, beobachtete Constantin Hirsch. Einige würden nun befürchten, dass sie künftig jedes Anfassen eines Schülers auf die Anklagebank bringen könnte.
In einer Prozesspause ging es in den privaten Gesprächen unter anderem um die Glaubwürdigkeit der Aussagen von Kindern beziehungsweise um den Einfluss der Eltern. Trotz der vielen Aussagen über den eigentlichen Vorfall hinaus, bleibe am Ende eine rote Linie, die der Lehrer überschritten habe. Trotz aller Nachvollziehbarkeit, dürfe so etwa nicht passieren. Darin waren sich im Gerichtssaal alle einig.
Schulamtsdirektor Werner Löffler versteht die Ängste der Lehrer. "Es ist in der heutigen Zeit schwierig. Man muss schon sehr gut aufpassen", sagt er. Selbst gut gemeinte Berührungen könnten missgedeutet werden. Was teilweise in den sozialen Netzwerken, wie Facebook oder auch in Whatsapp-Gruppen an Vorverurteilungen und Beschimpfungen zu lesen ist, sei unerhört.