Dass Liebe etwas Gefährliches sein kann, gehört zur menschlichen Grunderfahrung, eine Kraft, die Grenzen überwindet, die Seele im Tiefsten erreichen und dort, fehlgeleitet, lebensgefährlich werden kann. Dem Vicomte de Valmont, getrieben von der aus allen gesellschaftlichen und moralischen Grenzen gelösten Marquise de Merteuil, ist keine Intrige zu hinterhältig bei der Perfektionierung seiner Kunst der Verführung.
In Stephen Frears Verfilmung des seit Jahrhunderten beunruhigenden Briefromans und Sittengemäldes von Choderlos de Laclos (veröffentlicht 1782) stirbt Valmont, verkörpert von dem unvergleichlichen John Malcovich, nicht weil er unmoralisch handelt, sondern weil diese ursprüngliche Lebensmacht zurückschlägt, nicht zu bändigen ist durch menschliche Selbstherrlichkeit. Doch während Valmont immerhin in dieser Macht aufgeht, wird die teuflisch geschickte Marquise (bei Frears Glenn Close) zermalmt von ihrem eigenen System.
"Ich liebe diesen Film und träume schon lange davon, diese Geschichte als Tanztheater zu erzählen", sagt Tara Yipp, die Ballettmeisterin des Landestheaters. Jetzt darf sie, und zwar gleich in ihrer ersten großen Produktion. Am Samstag, 25. Januar, werden die "Gefährlichen Liebschaften" im Großen Haus zur Premiere kommen, live begleitet vom Philharmonischen Orchester unter Leitung von Solorepetitor Juhyun Jeong. Den Klangraum für die psychologisch und emotional hintergründige Geschichte liefern François Joseph Gossec (1734 bis 1829, er war während des ausgehenden Ancien Regimes und dann als offizieller Komponist der Französischen Revolution sehr geschätzt und äußerst produktiv) und Maurice Ravel, im zweiten Teil dann Leoš Janácek.
Aus dem umfangreichen Briefroman hat Tara Yipp ein eigenes Libretto kondensiert. Die "großartigen Seelenbilder" des Romanes und des Filmes wird sie mit der Marquise de Merteuil im Zentrum erzählen. Die Geschichte von Macht, Spiel, Verrat, Sex und Liebe soll ganz klassisch beginnen. Je weiter die menschliche Zerstörung schreitet, je stärker Wahrheit und Ehrlichkeit sich Bahn brechen, "desto freier wird meine Tanzsprache, bis zum Schluss alle barfuß auf der Bühne sind", erklärt Tara Yipp. Verständnis und Stringenz der Geschichte sollen unterstützt werden durch von Schauspielern gelesene Briefpassagen, die vom Band eingespielt werden.

Eriko Ampuku als Marquise

Nach ihrer Knieverletzung wird Eriko Ampuku erstmals wieder in zentraler Rolle zu erleben sein, als Marquise. Als Valmont alternieren Mariusz Czochrowski und Takashi Yamamoto. Die ehrbare Madame de Touvel, die Valmont wie eine Festung beschießt, um der entfesselten Liebe dann aber selbst zu erliegen, werden Emily Downs und Natalie Holzinger tanzen.
Andreas Becker, der maßgeblich für die Augsburger Puppenkiste gewirkt hat als Puppenspieler, Schnitzer und Bühnenbildner und in Coburg unter anderem bei "Dracula" für eine düster-schöne Atmosphäre sorgte, kreierte die Ausstattung zwischen historisierender Stimmung und zeitunabhängiger Charakterisierung der Persönlichkeiten.
Tara Yipp ist übrigens gegenwärtig die alleinige "Chefin" des Coburger Balletts, nachdem Mark McClain sich bis Mai in Elternzeit befindet.

Liebschaften", Ballett in zwei Akten von Tara Yipp nach dem Briefroman von Choderlos de Laclos. Mit Musik von François Joseph Gossec, Maurice Ravel und Leoš Janácek, gespielt vom Philharmonischen Orchester Landestheater Coburg unter Leitung vonJuhyun Jeong.

Ausstattung Andreas Becker Dramaturgie Renate Liedtke;
Darsteller Eriko Ampuku (Marquise de Merteuil), Mariusz Czochrowski/Takashi Yamamoto (Vicomte de Valmont), Emily Downs/Natalie Holzinger (Madame de Touvel), Chih-Lin Chan (Cécile Volanges), Niko Ilias König/Adrian Stock (Chevalier de Danceny).
Premiere 25. Januar, 19.30 Uhr im Großen Haus.

Tara Yipp, kanadische Tänzerin und Choreografin, bekam mit 19 Jahren einen festen Vertrag bei der Alberta Ballet Company in Calgary. 2000 kam sie ans Landestheater Detmold. Von 2004 bis 2009 war sie Ballettmeisterin in Nordhausen. 2010 holte sie Mark McClain als Ballettmeisterin nach Coburg. Als eigenständige Choreografin hat sie hier schon eine Reihe von Musiktheaterproduktionen bereichert. Sehr eindrücklich wirkte auch die Sparten-übergreifende Schauspiel-Tanztheater-Produktion "Woyzeck".

Literarischer Hintergrund Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos' (1741 bis 1803) Briefroman "Les Liaisons dangereuses" (1782) gilt als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und Sittengemälde des ausgehenden Ancien régime. Die intrigante Marquise Isabelle Merteuil schlägt dem Vicomte Sébastien de Valmont vor, die jugendliche Braut ihres früheren Geliebten Gercourt, Cécile de Volanges, noch vor der Hochzeitsnacht zu verführen. Ihn reizt jedoch die spröde, als äußerst tugendhaft bekannte, verheiratete Marie de Tourvel, die er so beharrlich und geschickt umwirbt, dass sie sich schließlich tatsächlich in ihn verliebt. Gleichzeitig erfüllt Valmont aber auch Madame de Merteuils Wunsch nach Rache. Denn sie hat ihm als Belohnung eine Liebesnacht versprochen.
 Hermann Hesse bezeichnete das Werk als den klügsten, unsentimentalsten und psychologisch glänzendsten Roman des französischen 18. Jahrhunderts. Der Stoff diente als Grundlage für neun Filme und war Basis für Heiner Müllers Theaterstück "Quartett". wp