Tragische Gestalten. Eine Filmdiva, die groß war, an der aber die Zeit vorüber ging, die sich jedoch wenigstens vor sich selbst noch als strahlende Göttin verkauft, in vollkommenem Realitätsverlust und bis zur letzten Konsequenz ihre Lebenslüge lebt: Norma Desmond. Ein Drehbuchautor, der groß sein könnte, es aber nie sein wird, weil ihm das Talent fehlt, sich effektvoll zu inszenieren, sich zu verkaufen: Joe Gillis.

Die beiden treffen in einem der größten Erfolge der Musical-Geschichte aufeinander, in Andrew Lloyd Webbers "Sunset Boulevard". Der Meister der großen und innigen Melodien schrieb das Musical, das Psychodrama, Krimi und eines der besten Stücke über Faszination und Verderben des Filmgeschäftes zugleich ist, im Jahr 1993, basierend auf Billy Wilders Film "Boulevard der Dämmerung" aus dem Jahr 1950. Erst seit 2010 sind die Aufführungsrechte für Stadttheater freigegeben.

Das Landestheater Coburg bringt es jetzt heraus: in der Regie der früheren Tänzerin Pascale Chevroton, die uns in Coburg bereits "Evita" und die "West Side Story" in tiefer Intensität bescherte. Premiere ist am kommenden Samstag in der musikalischen Leitung des Musical-Experten am Landestheater, Roland Fister.


Süße Melancholie, cooler Swing

In Andrew Lloyd Webbers Balladen "schwebt die süße Melancholie eines Cole Porter, cooler Swing erinnert an die späten 40er Jahre und rhythmische Erzählstrecken treiben die Spannung auf die Spitze", beschreibt die neue Dramaturgin für Musiktheater, Renate Liedtke, Webbers unter die Haut gehenden Sound.

"Webber ist auch hier genial darin, Emotionen, seelische Hintergründe in Musik auszudrücken", verneigt sich Regisseurin Pascale Chevroton einmal mehr vor dem Komponisten. "Wie er mit großen schönen Songs die Sehnsüchte von Norma und Joe fasst, dann dieses blendende Leben von Los Angeles, die Scheinwelten, in den stets alle jubelnd gut drauf zu sein haben, in Rhythmus und mitreißendem Swing charakterisiert..."

Chevroton lässt das Drama, in dem der mittellose Joe immer tiefer in die Abhängigkeit Normas gerät, im Umfeld der glamourösen Paramount-Studios der Jahre 1949/50 spielen. Doch es geht nicht nur um Künstlerschicksale, sagt die Französin, die in den vergangenen Jahren an einer ganzen Reihe von namhaften Theatern ihre Vorstellung von intensivem Theater, von körper- und bewegungsbetonter, sinnlicher Nachvollziehbarkeit des inneren Erlebens verwirklichen konnte. Es geht um die Tragik des Lebens zwischen Realität und Traum, um Realitätsverarbeitung generell.


Tödliche Lebenslüge

Darin treten zwei weitere Figuren mit ihren Positionen auf, die junge Produktionsassistentin Betty, die Hollywood sieht, wie es ist, sich darin aber zurecht findet, und der nicht minder tragische "Butler", der die gigantische Lebenslüge Normas arrangiert und managt, der in Wirklichkeit ihr Entdecker, Regisseur und Ehemann war, gespielt von Schauspieler Stephan Mertl.

In der Rolle von Norma Desmond kommt Gabriela Künzler. Joe Gilles wird alternierend von Karsten Münster und David Zimmer dargestellt.

Die Frage nach dem Wert des Menschen, der mehr und mehr durch blendenden und betäubenden Konsum, Geld, Beruf, Arbeit definiert wird, darum geht es in Webbers Musical über alle schönen Melodien hinaus. "Was machst du, lautet heute die Hauptfrage", bringt es Pascale Chevroton auf den Punkt, "nicht mehr: Wer bist du?" Das auf sinnliche Weise bewusst werden zu lassen, ist Chevrotons Anliegen.

Die Produktion Sunset Boulevard. Musical von Andrew Lloyd Webber, Buch und Gesangstexte Don Black und Christopher Hampton, basierend auf dem Film von Billy Wil der, deutsch von Michael Kunze. Musikalische Leitung Roland Fister; Inszenierung Pascale Chevroton; Bühnenbild und Kostüme Ale xandra Burgstaller; Choreinstudierung Lorenzo Da Rio; Dramaturgie Renate Liedtke.

Darsteller Gabriela Künzler (Norma Desmond, ehemaliger Filmstar), Karsten Münster/David Zimmer (Joe Gilles, junger Drehbuchautor), Stephan Mertl (Max von Mayerling, Normas Butler), Julia Klein (Betty Schaefer), Helmut Jakobi (Cecil B. DeMille, Regisseur)

Premiere Samstag, 10. Mai, 19.30 Uhr

Pascale Chevroton geboren in Frankreich, studierte Tanz und Musikwissenschaft am Conservatoire Nationale Besançon und an der Musikhochschule Köln und absolvierte ein Psychologiestu dium in Reims. Festengagements als Tänzerin hatte sie in Essen, Freiburg, Nordhausen und Meiningen, freiberuflich in Berlin, Wien, London und Basel. Arbeiten als Choreografin und Regisseurin unter anderem für das Volkstheater und das Konzerthaus Wien, regelmäßig unter anderem in Lübeck und St. Gallen.