Ein Studium stand für den Marktgraitzer Richard Geßlein nie zur Debatte. Ohne Abitur sah er für sich keine Möglichkeit zu studieren. Bis er eine Infoveranstaltung der Hochschule Coburg besuchte.
Nach der Mittleren Reife kam die Ausbildung zum Versicherungskaufmann, anschließend der Job als Sachbearbeiter. Richard Geßlein hatte ein geregeltes Einkommen und feste Arbeitszeiten, aber irgendetwas fehlte ihm. Er will sich weiterbilden, sucht nach Möglichkeiten. Ans Studieren denkt er erstmal nicht. "Ich hatte ja kein Abitur. Da stand das nie zur Debatte." Erst bei einer Infoveranstaltung seines Arbeitgebers wird er auf das Thema aufmerksam. Professor Petra Gruner, die in den Versicherungsstudiengängen der Hochschule unterrichtet, informiert dort über Studienmöglichkeiten und erzählt, dass auch ohne Abi, der Weg an die Hochschule offensteht. Ein Weg, der zwar immer noch etwas ungewöhnlich, aber machbar ist.
Rund 51 000 Menschen in Deutschland studieren ohne Abitur. Möglich macht das ein Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2009. Sie öffnete damals für beruflich Qualifizierte den Zugang zu den Hochschulen. Beruflich qualifiziert ist, wer eine abgeschlossene Berufsausbildung und entsprechende Berufserfahrung oder eine Fortbildungsprüfung (z.B. Meister, Techniker, Fachwirt) vorweisen kann.
Richard Geßlein beschließt: Das will ich probieren. Er reduziert seine Arbeitszeit und bewirbt sich für den Bachelor Versicherungswirtschaft an der Hochschule.
Studieninteressierten ohne Abitur empfiehlt die Hochschule, einen Mathe-Vorbereitungskurs zu belegen. Dort werden Grundlagenkenntnisse in Arithmetik, Algebra, Differential- und Integralrechnung vermittelt. "Nachdem ich den Kurs besucht habe, dachte ich, das wird nichts mit dem Studium", erinnert sich Geßlein. "Ich war zehn Jahre aus der Schule raus. Und mir haben viele Vorkenntnisse gefehlt." Doch ein Studium der Versicherungswirtschaft bedeutet eben auch Vorlesungen in Kalkulation, Wirtschaftsmathematik, Statistik. Also lernt der heute 30-Jährige. Mindestens drei Stunden Mathe habe er pro Tag gebüffelt. "Nach dem ersten Semester habe ich sogar im Urlaub noch ein Mathebuch gelesen."


Mühe zahlt sich aus

Die Mühe zahlt sich aus. Geßlein besteht die Prüfungen, wird immer besser in Mathe. Das Studium, sagt er, sei fast so etwas wie ein Hobby für ihn geworden. "Es hat Spaß gemacht und ich habe unglaublich viel dazu gelernt!" Dass er erst die Ausbildung gemacht und Berufserfahrung gesammelt hat, habe ihm viel geholfen.
"Ich wusste einfach schon, worauf es ankommt, und habe mich voll auf das Studium konzentriert." Geßlein wird sogar Studienbotschafter für Versicherungswirtschaft. Er unterstützt die Studienberatung auf Messen, berichtet von seinen Erfahrungen als Student und beantwortet Anfragen von Studieninteressierten. Da seien auch viele Fragen zum Studieren ohne Abi dabei gewesen, berichtet Geßlein. Er selbst würde es jederzeit wieder machen. Denn auch im Job hat das Studium ihm nun eine Veränderung ermöglicht. Seit Anfang März arbeitet er wieder Vollzeit. Er hat intern eine neue Stelle angetreten - im Aktuariat. Übrigens eine Abteilung, die sich ziemlich viel mit Mathematik und Statistik beschäftigt. hs