Da hatte der Chinese die Rechnung ohne Rolf Müller gemacht. Wollte der doch tatsächlich einen Flügel auf Kommission ordern, weil er nicht sicher war, ob er ihn tatsächlich verkauft. Die beiden Geschäftsmänner sitzen sich in Xi'an gegenüber und der deutsche Klavierbauer will nicht glauben, was er da hört. "Ich arbeite in Deutschland in einem Ort, den man kaum auf der Landkarte findet und verschiffe meine restaurierten Pianos in die ganze Welt, und der will mir weiß machen, dass er in der Vier-Millionenmetropole nicht sicher ist, ein einziges zu verkaufen!?"

Das Geschäft ist geplatzt. Der Flug nach China war dennoch nicht umsonst. Rolf Müller hat einen anderen Kunden gewinnen können, der einen Konzertflügel bestellt hat und mit weiteren in Serie gehen möchte.

Der asiatische Markt ist für den 66-jährigen Unternehmer aus Neuensorg interessant. "Die Chinesen kaufen alles", sagt er. "Vielleicht demnächst sogar das renommierte Traditionsunternehmen Steinway, das dort für eine Milliarde Euro angeboten wird." Müller ist sich sicher, dass die europäischen Klavierproduzenten vom Markt verschwinden. Die Qualität, die dann in China hergestellt werde, sei nicht vergleichbar. Umso gefragter wird er, der Spezialist für gebrauchte Flügel und Klaviere, sein.

"Die Anschaffung eines hochwertigen Flügels oder Klaviers ist eigentlich ein Kauf für die Ewigkeit. Wir erhalten die Seele des Instruments und hauchen den gebrauchten Flügeln und Klavieren ein neues Leben ein", sagt Müller. Wer zu ihm nach Neuensorg kommt, sei auf der Suche nach dem perfekten Klang. Instrumente mit Charakter seien sein Markenzeichen.

Rolf Müller ist ein leidenschaftlicher Mann, Klavierbauer und Musiker. Mittlerweile in der vierten Generation verkauft und restauriert er Musikinstrumente. Im Musikhaus seines Großvaters in Rothenburg ob der Tauber hat er bereits mit sechs Jahren Akkordeons und Klaviere repariert. Mit elf Jahren hat er dann selbst angefangen Klavier und Trompete zu spielen. "Ich wollte eigentlich Musik studieren, aber ich sollte erst ein g'scheites Handwerk lernen." So wurde er Klavierbauer und blieb Musiker mit ganzem Herzen. Täglich sitzt er am Klavier: morgens, um aufzutanken, abends, um seinen Frust nach dem Kartenspielen abzureagieren oder seiner Frau ein Gute-Nacht-Lied zu spielen. Nicht nur, dass er mit den "echten" Milli Vanilli aufgetreten ist, wie er sagt, er verschrieb sich der Black Music, bevor er sich wieder der klassischen Musik zuwandte.

Bis heute managt er große Musikevents deutschlandweit. Auch in Lichtenfels, in der Basilika Vierzehnheiligen oder in der Morizkirche in Coburg organisiert er Benefizkonzerte. Im vergangenen Jahr holte er Alexander Yakovlev, den bekannten russischen Pianisten, in diesem Jahr kommt der Deutsche Ärztechor.

Neuensorg beflügelt

1996 verschlug es den Rothenburger nach Neuensorg. Zusammen mit seiner Frau Birgit wollte er sich selbstständig machen und war auf der Suche nach einem geeigneten Standort. Der kleine Gemeindeteil von Weidhausen schien ihm genau richtig. Er mietete sich ein Werksgelände und begann sein Reich zu bestücken: mit Steinway-Flügeln, die er aufkaufte und mit viel Fingerspitzengefühl restaurierte. "Bis 2008 verschifften wir Steinway-Flügel containerweise nach Japan", erzählt Müller offen.

Der Steinway Flügel, Legende der Musikinstrumente, steht seit 1853 für höchste Handwerkskunst, kompromisslose Qualität, Ästhetik und Ausdruckskraft. Die Preisspanne für einen neuen Steinway-Flügel reicht von 30000 bis zu einer Million Euro. Bei Müller kostet ein Original-Steinway restauriert zwischen 29000 und 78000 Euro. Die Nachfrage sei enorm gewesen - bis zur Rezension. Dann war Schluss und Piano Müller musste sich eine andere Philosophie überlegen.

Zehn Jahre später, April 2019: Die schmale unbefestigte Straße auf das Werksgelände sollte man im Schrittempo fahren. Die Gebäude und die Werkshallen sind eingerüstet. Die Eingangstür ist von weißen Säulen gesäumt, rote Teppichfliesen weisen den Weg. Drinnen klimpert's. Ein Klavier wird gestimmt.

Der Blick fällt auf einen gläsernen, glamourösen Raum. 70 Pianos der renommiertesten Hersteller aus aller Welt heißen den staunenden Besucher willkommen. Glänzen um die Wette. Rolf Müller, lässig und lächelnd und seine Frau Birgit, im eleganten Anzug, kommen aus dem Büro. Japaner, Koreaner, Münchner, Leipziger waren es, die in der vergangenen Woche dort nach einem passenden Flügel gesucht und gefunden haben. "Wir holen unsere Kunden auch vom Bahnhof ab, wenn sie nicht mit dem Auto kommen", sagt Birgit Müller. Service wird in der Provinz groß geschrieben.

Faszinierende Welt

Sind die Kunden erst einmal angekommen, tauchen sie ganz unweigerlich in die faszinierende Welt der Müllers ein. Am Ende wissen sie, dass Flügel und Klaviere seit fast 300 Jahren aus hochwertigen Materialien gebaut werden und aus 12000 Einzelteilen bestehen. 80 Prozent werden heute noch mit Hand gefertigt. In der firmeneigenen Fachwerkstatt können sie den Klavierbauern über die Schulter schauen: Da wird geschliffen und poliert, geschraubt, gefeilt und gestimmt. Fünf Mitarbeiter - auch eine junge Auszubildende - sind bei der Arbeit. Aus zerkratzten, gebrochenen und verstimmten Instrumenten werden einzigartige Unikate traditioneller Handwerkskunst.

Der Blick in der Halle fällt auf einen Fazioli, den Ferrari unter den Flügeln. Das Holz dafür kommt aus dem gleichen Wald wie das für die Strativari-Geigen. Wenn Rolf Müller sich dann auf den Schemel setzt und zu spielen beginnt, ist der Besucher sicher, den Ort des perfekten Klangs gefunden zu haben.

Der Klavier-Spezialist

Kontakt

Rolf Müller,

Telefon 09562 / 981285,

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