Das wirkte durchaus befremdlich. Eine ansehnliche Menge, am Freitag wohl 300 bis 400 Bürger, am Samstag etwas weniger, bei starkem Konkurrenzangebot an diesem Wochenende, bewegte sich zögerlich in der Dunkelheit auf dem Coburger Marktplatz.
Scheinwerfer-Reihen blendeten vom Boden aus. Bizarre Klänge ertönten aus den Lautsprechern. Dann irrten staksende Gestalten über das Pflaster, gefolgt von einem skurrilen Gefährt mit einer lärmenden, Faxen treibenden Truppe.

Zeitstimmung

Die Historische Gesellschaft hatte als Höhepunkt des Jubiläumsjahres zum Gedenken an den ersten autonom regierenden Coburger Herzog, dem die Stadt viel zu verdanken hat, eine Zeitreise angekündigt. Nach der hochkarätigen Vortragsreihe und verschiedenen Ausstellung über Herzog Casimir (1564 - 1633) sollte nun ein sinnlich erfahrbares Schauspiel, aufgezogen durch "Die Stelzer" aus Landsberg am Lech, etwas von der Zeitstimmung vermitteln.
Johann Casimir in Gestalt des Landestheater-Schauspielers Stephan Mertl, empfängt eine fahrende italienische Comedia dell`arte-Truppe. Er tut das vom Erker jenes markanten, mit stilisierten Fähnchen mutig und hoffnungsvoll in die Welt zeigenden Gebäudes aus, das Casimir als seinen Regierungssitz hat erbauen lassen, das heutige "Stadthaus". Wer Sinn für diese Bezüge hat, mag berührt gewesen sein von der Authentizität, von dieser fernen Vergangenheit im Heute, dass man sich da ja tatsächlich an ursprünglichem Ort befindet, von dem aus die Weichen gestellt wurden für das, was Coburg heute ist. Denn es war Casimir, der aus dem ursprünglichen Ackerbürgerflecken und gegen die Verhehrungen des 30-jährigen Krieges die spätere Entwicklung Coburgs einleitete mit seinem Wahlspruch "Fried ernährt, Unfried verzehrt" und der Grundlegung eines modernen "Staatswesens".

Verzerrt und verschluckt

Was nun am Freitag und Samstag auf dem Marktplatz zu erleben war, entsprach tatsächlich nicht unseren Gewohnheiten perfekt abschnurrenden Schauspiels oder üblichen glamourösen Events. Und das lag nicht nur an der schauderhaften, hier in Coburg eingerichteten Technik, die am Freitag nicht in der Lage war, das Gesprochene zuverlässig zu übertragen, sondern verschluckte und verzerrte. Das war sehr schade.

Zickige Julia

Wir wurden durch die auf Stelzen agierenden "Komödianten" ein bisschen in Bürger jener Zeit verwandelt, die auf dem Marktplatz zusammengeströmt, neugierig die Hälse reckten. Die Stelzen erhöhen die Darsteller aus Landshut nicht nur, sie zwingen sie auch zu jener schablonenhafteren, überdeutlichen Darstellungsweise, wie sie vor der Entwicklung des modernen Theaters auf Straßen und Plätzen üblich war. Nach den genannten Anlaufschwierigkeiten am Freitag bescherten uns "Die Stelzer" dann in langnasigen Masken eine recht eigenwillige Shakespeare-Variante mit zickiger Julia und hampelndem Romeo, der dann eine köstlich-splatterige Harakiri-Variante seines Todes exerzierte, bevor die beiden verfeindeten Familien mit patschenden Holz-Dingern als Schwerter aufeinander losgingen. Mit Stelzen zu fallen und wieder aufzustehen - mannomannomann.
Das Publikum, extra befragt, zog schließlich ein Happy End vor. Und auch Herzog Casimir - "Wir haben unsere Lektion gelernt" - gewährte in der auf Coburg abgestimmten Rahmenhandlung huldvoll die Hochzeit der lutherischen Anna aus Coburg und des katholischen Johann aus Seßlach. Der sich aber bittschön zum "wahren Glauben des Dr. Luther" zu bekennen hatte.

Was wird aus dem armen Coburg?

Das Bekenntnis zu Gerechtigkeit, Hoffnung und Liebe stand am Ende der Geschicht‘ - und die bange Frage Casimirs "Was wird aus dem armen Coburg werden". Das wurde nach dem Tod Casimirs doch noch vom 30-jährigen Krieg eingeholt und versank erstmal wieder in Bedeutungslosigkeit. Die Grundlagen aber waren gelegt.