"Nur hin und wieder schieben sich beim Wetter im Raum Coburg ein paar Wolken vor die Sonne. Es kommt wiederholt zu Gewittern", meldet eine Online-Wettervorhersage. Mit diesen Temperaturen werden nicht nur die Röcke kürzer. Shorts und Shirts bedecken immer weniger Haut, aber immer mehr Haut ist von mehr und mehr Tätowierungen bedeckt.

Die Faszination Tattoo hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen ist von den 16- bis 29-Jährigen fast jeder Vierte tätowiert. Die lebenslange Körperbemalung hat Einzug in die Gesellschaftsmitte gehalten. Tätowierte Arme sind bei Fußballern eher die Regel als die Ausnahme. Tattoos haben meist eine individuelle Aussage oder sollen die Ästhetik des Körpers unterstreichen.

"Es ist bei mir eine Sucht", gibt Frank Dehncke unumwunden zu. Der 56-Jährige sitzt auf den Stufen des Stadtcafés in der Sonne und genießt ein Eis. Seit mittlerweile 13 Jahren ist Dehncke regelmäßig Kunde in einem der vielen Tattoo-Studios in der Region. "Mittlerweile sind 90 Prozent meiner Hautoberfläche bedeckt."



Von oben bis unten

Unter- und Oberarme zieren zahlreiche ineinander verschlungene Motive. Die Radlerhose gibt die muskulösen Beine des Eisfelders knapp über dem Knie frei, der sichtbare Beinteil endet unten an den kurzen Sportsocken. Die gebräunte Haut ist nur an wenigen Stellen ohne Farbe.
"Sport und dabei besonders die Radfernwege" haben es Franke Dehncke angetan. Bamberg und Nürnberg gehören zu seinen Zielen, die er mit dem Mountainbike ansteuert.

Als er sich 2004 das erste Tattoo stechen ließ, "passierte es aus jugendlichem Leichtsinn heraus". Tod und Hass kommen immer wieder in den Bildern vor, die er sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in die Haut hat stechen lassen. An neugierige Blicke hat sich Dehncke längst gewöhnt. "Vor drei Jahren hat einmal eine ältere Dame vor mir ausgespuckt, als sie mich gesehen hat", erzählt er zwischen zwei Löffeln Eis. Das sei aber eine der ganz seltenen negativen Reaktionen gewesen.



Es ist auszuhalten

"Freilich ist es zu spüren, wenn die Nadel die Farbe in die Haut einbringt. Aber da musst du eben mal die Zähne zusammenbeißen." Nur Tattoos auf der Schädeldecke, etwa in der Art des chilenischen Fußballers Arturo Vidal, das sei richtig schmerzhaft.

"Da war eine Pause nötig", erinnert sich Frank Dehncke. "Aber der Schmerz gehört zum Leben." Nach Verletzungen oder Operationen würde er die dabei beschädigten Motive wieder nacharbeiten lassen.

Nach drei Tätowierungen ist bei Ines Jürss aus Coburg Schluss mit der Körperbemalung. Der Name des Lebensgefährten prangt auf dem Unterarm, eine Rose verziert den rechten Oberarm, und am Unterschenkel rankt es sich empor. "Ich hab' das damals einfach mal gewollt", meint die 51-Jährige. Und die Schmerzen waren so schlimm nicht.

"Schließlich habe ich auch drei Kinder zur Welt gebracht." Der Name des Freundes kam "aus Liebe" unter die Haut. Anfänglich gab es Fragen im Bekanntenkreis zu ihren Tätowierungen, aber seit vielen Jahren ist das kein Thema mehr. Auch Ines' Mutter akzeptiert die drei Motive.



Lifestyle

"Tattoos sind mittlerweile Lifestyle geworden und aus dem Hinterhof in die erste Reihe getreten", stellt Markus Fischner fest.

Zusammen mit seiner Frau betreibt er ein Tattoostudio. Für die nächsten freien Termine gibt es eine Warteliste, mindestens genau so lange wie sie auch bei einem Facharzt ist.

"Inzwischen kommen alle Altersgruppen. "Die gerade Volljährigen, weil sie es nun selbst entscheiden können, ebenso wie die Mitfünziger, die lange mit sich gerungen haben."

Falls die gestochenen Motive nicht zu üppig sind und unter Kleidung verschwinden können, sind Tattoos für immer weniger Arbeitgeber ein Tabu. Der Sommer bringt die vielen Motive ans Licht.