Da soll noch einmal jemand sagen, es sei angesichts der verkrusteten Strukturen vergebene Müh, über Europa und seine Bedeutung zu diskutieren. Bei "Auf den Punkt", dem Regionentalk der Sparkasse Coburg-Lichtenfels, dem Coburger Tageblatt, Radio Eins und iTV Coburg, hat die Gesprächsrunde in der Alten Orangerie gezeigt, dass Europa alles andere als langweilig sein kann - sondern vielfältig, lebendig und gerne mal streitbar.

Gerade einmal eine Viertelstunde ließ Martin Lücke (SPD) verstreichen, ehe er auf Angriffsmodus schaltete. Sein Ziel, wenig überraschend: Monika Hohlmeier, fast schon ein Urgestein, was die CSU und die Europapolitik angeht.

Wo kommt denn das Geld her?

Die EU-Parlamentarierin hatte zuvor die bekannte Klage gebracht: Immer, wenn auf nationaler Ebene etwas schief oder zu bürokratisch laufe, sei die EU daran schuld. Ziemlich "heuchlerisch" war für Lücke - den Coburger Arzt, der zum zweiten Mal für einen Sitz in Brüssel kandidiert - diese Argumentation. Schließlich sei die CSU-Landesregierung in Bayern "geradezu vorbildlich darin, Europa zu diskreditieren", klagte Lücke und nannte den Bau von Umgehungsstraßen als Beispiel: Da lasse sich die Landesregierung feiern, von den meist reichlich geflossenen EU-Fördermitteln sei hingegen fast nie die Rede.

Fragen im Gegenwind

Noch kontroverser waren die Ansichten zum europaweit gültigen Mindestlohn. Da plädierten Ina Sinterhauf (keine Kandidatin, aber europapolitische Sprecherin der Coburger Grünen) und Martin Lücke auf einen Satz in Höhe von 60 Prozent des durchschnittlichen Lohns im jeweiligen Land. Monika Hohlmeier wehrte sich da mit allem, was sie hatte - insbesondere mit vielen Worten. Sie befürchtete, dass der Mindestlohn, wenn er für ein Land nicht finanzierbar sei, über deutsche Transfergelder finanziert werden müsse. "Wollen Sie das?", fragte Hohlmeier nicht nur einmal in Richtung des im wahrsten Sinne des Wortes linken Flügels des Podiums. Und für diese Sorge bekam sie Gegenwind: "Plattitüden" unterstelle ihr Martin Lücke in diesem Punkt. Ina Sinterh auf erntete kräftigen Applaus für ihre Feststellung, dass es entgegen vorheriger Bedenken "für die deutschen Firmen nach Einführung des Mindestlohns auch weiterging". Constantin Hirsch-Roppelt (Radio Eins), der gemeinsam mit Tageblatt-Redaktionsleiter Oliver Schmidt die Diskussion leitete, freute sich über den offensiv ausgetragenen politischen Diskurs: "Schön zu sehen, dass die großen Parteien inhaltlich doch nicht austauschbar sind."

Bei den wirklich wichtigen Sache waren sich jedoch alle einig: Europa ist ein Erfolgsmodell! Hubertus Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, CSU-Stadtrat in Coburg und bekennender Europäer, berichtete von seiner Erfahrung aus zahlreichen und langjährigen Auslandsaufenthalten: "Die Menschen wollten, dass wir weiter zusammenwachsen." Und das sei auch gut so, denn im globalen Wettbewerb werde selbst ein starkes Land wie Deutschland auf Dauer nicht erfolgreich sein: "Wir sind zu klein, um in der Welt zu bestehen." Bei der Frage, wie die EU bilaterale Wirtschaftsverträge aushandeln solle, gingen die Meinungen dann schon wieder auseinander.

Der Freihändler von Coburg

Der "bekennende Freihändler" Prinz Hubertus hätte schon gerne die jetzt auf Eis liegenden TTIP-Handelsverträge mit den USA unter Präsident Obama geschlossen gesehen, das Duo Sinterh auf/Lücke war der unbegrenzte Handel (Stichwort: Chlorhühnchen) nicht so recht.

Über allem stand freilich Europa als Friedensprojekt. Damit dieses weiterlebt, würde Martin Lücke sogar Geld in eine europäische Armee investieren. Aber nicht, um so als geopolitische Weltmacht aufzutreten, sondern um damit ein kontinentales Versprechen abzugeben: "Wir wollen nie mehr die Waffen gegeneinander erheben." Offensiven Widerspruch gab es da nicht einmal von Ina Sinterhauf, für die der Frieden angesichts der weltweiten Entwicklungen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. "Wo kein Frieden ist, sind Kriege wieder möglich", warnte sie.

Bevor der Coburger Hochschulchor "Die Klangfänger" mit der "Ode an die Freude" (also der Europa-Hymne) den Abend beendete, waren sich dann alle noch einmal richtig einig: Beim Aufruf, jeder möge doch am Sonntag zur Wahl gehen. Ina Sinterhauf wünschte sich dabei eine Wahlbeteiligung von mindestens 50 Prozent, Hubertus Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha am liebsten noch viel mehr: "Wir können uns den Populisten nur entgegen stellen, wenn viele Menschen zur Wahl gehen."

Stimmen zum Talk

Das gab's noch nie bei einem der inzwischen fast 30 Regionentalks der Sparkasse Coburg - Lichtenfels: Nach der Diskussion gab's Musik - und als die "Klangfänger" Beethovens "Ode an die Freude" anstimmten, sangen viele der knapp 200 Gäste sogar mit. Der aus Coburg stammende Konzertpianist Hans-Dieter Bauer war von dieser Mischung und der damit verbundenen Stimmung mehr als angetan: "Ich bin begeistert vom europäischen Geist, der hier heute geherrscht hat!"

Das bestätigte allen voran Sparkassen-Vorstand Martin Faber in seiner Entscheidung, die Veranstaltung auf die Beine gestellt zu haben: "Uns war es wichtig, vor der Wahl am kommenden Sonntag ein starkes Zeichen für Europa zu setzen!" Gut gefallen hat Martin Faber, dass zwar alle Podiumsteilnehmer "pro Europa" waren, aber trotzdem zum Teil sehr kontrovers diskutiert hätten.

Moritz Metzner, Leiter des Hochschulchors "Klangfänger", steht voll und ganz hinter Europa. Nicht nur, weil seine Mutter Engländerin ist, findet er es gut, dass Großbritannien noch nicht aus der EU ausgetreten ist: "Unser Chor reist im Juni auf die Isle of Wight, wo Albert und Victoria einst ihr Sommerhaus hatten", erzählte Metzner. Dort sei unter anderem ein Treffen mit einem anderen Chor geplant. "Wir werden vor Ort zusammen Singen, der Gemeinschaftssinn steht für uns Chöre über der EU, wir halten zusammen", sagte Metzner. Er sei "total gespannt" auf die Zeit in England und darauf, Menschen zu treffen, die für und gegen Europa sind.

Lied extra umgeschrieben

Den Titel "Ohne Dich" von der Münchner Freiheit hatten die "Klangfänger" schon länger im Programm. Für den Regionentalk wurde der Text aber extra umgeschrieben, so dass das Lied zu einer "Ode für die EU" wurde. Statt der Textzeile, die im Original "Ohne Dich komm' ich heut' nicht zur Ruh, das was ich will bist Du" heißt, wurde gesungen: "Ohne Dich komm' ich heut' nicht zur Ruh, das was ich will ist EU!" Es war aber nicht das erste Mal, dass sich die "Klangfänger" singend stark für Europa machten: "Wir sind schon bei einer Veranstaltung von ,Pulse of Europe' in Coburg aufgetreten", erzählte Moritz Metzner.

Auch Rainer Maier, der Geschäftsführer der Volkshochschule Coburg, engagiert sich für Europa. Er lobte den Regionentalk als "sehr ausgeglichen". Thematisch habe ihm nichts gefehlt. Vor Beginn der Veranstaltung hatte Rainer Maier Infomaterial der Europäischen Kommission ausgelegt - weil er die Besucher der Veranstaltung als "sehr an Europa interessiert" einstufte. Aber vielleicht gibt der ein oder andere Besucher das Infomaterial ja auch an Bekannte und Freunde weiter, die bislang Europa eher skeptisch gegenüberstehen - und die deshalb auch noch überlegen, ob sie am Sonntag zur Wahl gehen. Maiers Ziel ist es, Menschen dazu zu animieren, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. "Wählen ist nicht nur ein Grundrecht, sondern auch eine demokratische Pflicht!"

Viele weitere Hintergründe zur Veranstaltung lesen Sie am Freitag im Coburger Tageblatt