Ingrid Lesch hatte sich fest vorgenommen, zu trainieren. Am Anfang stieg die 63-Jährige oft auf ihre Fitnessgeräte, doch mit der Motivation war das so eine Sache. Irgendwann landeten die Dinger neben der Ölheizung. Da blieben sie und wurden zum schlechten Gewissen, bedeckt von einer Schicht aus Staub. Frau Lesch sagt: "Mir fehlte die Gesellschaft. Alleine macht Trainieren keinen Spaß."

Jetzt schwitzt die 63-Jährige mit ihrem Mann im Senioren-Fitnessstudio in Rödental. Immer dienstags, von 9 Uhr bis 10 Uhr. Das Studio liegt in einer Wohnanlage für Senioren, alles sieht anders aus als in der typischen Pumperbude um die Ecke. Die Hanteln wiegen zwei Kilo statt 20 und neben jedem Fitnessgerät lehnt ein Stuhl. Zum Verschnaufen.

Um 12 Uhr startet nicht die trendige Zumba-Klasse, sondern ein Kurs, der sich Sturzgruppe nennt. Dort lernen Senioren, wie sie durch bessere Koordination Stürze vermeiden. Keiner der Kunden hat hier einen 24-Monats-Vertrag, Frau Lesch steckt einfach zwei Euro in das Kassenkörbchen am Eingang.

Herr Lesch trabt auf dem Laufband, am Fenster radelt eine grau-melierte Dame. "Die Knie gerade lassen", ruft Trainerin Heidrun Marek durch den Raum. 2004 machte ihr Arbeitgeber dicht, da war sie 60 Jahre alt. "Ich war mein ganzes Leben unter Leuten und auf einmal saß ich zu Hause - das war furchtbar." Nur herumreisen und Enkel begucken, das reichte ihr nicht. Sie suchte nach einem neuen Sinn und fand ihn zwischen Steppern und Sprossenwänden. Marek besuchte eine vierwöchige Schulung, die aus ein bisschen medizinischem Grundwissen und ein paar Fitnessübungen bestand. Seitdem arbeitet Frau Marek ehrenamtlich im Fitnessstudio.

Sozialer Kontakt

Ihre Besucher sind zwischen 55 und 95 Jahren alt. Viele haben eine Operation hinter sich. Sie kommen ins Studio, um nicht einzurosten - und um zu reden. Über die Enkel, die zu selten anrufen. Über die Firma, bei der sie 40 Jahre gearbeitet haben - und die jetzt einem Investor aus China gehört. Und über den Rücken, der schon wieder zwickt.
Frau Marek streift durch den Raum, korrigiert hier und da. Im Studio gelten ihre Regeln. Eine lautet: Nach zwei Geräten wird zehn Minuten pausiert und Wasser getrunken. Einige Senioren murrten, doch Frau Marek wollte kein Risiko eingehen. "Sonst fallen die mir um", sagt sie.

Alle Geräte sind aus Spenden finanziert, stolz ist Frau Marek auf die Galileo-Therapieplatten. Das Prinzip: Muskeln werden mit Hilfe von mechanischen Schwingungen stimuliert. Die vibrierenden Platten nutzen sonst Astronauten, die ihre Muskeln trotz der Schwerelosigkeit stählen müssen. So stärken Senioren, die nur am Rollator laufen können, ihre Beine und das Sturzrisiko sinkt.

Fitte Senioren helfen betagten Senioren - Heidrun Marek und das Seniorenstudio stehen stellvertretend für das Konzept der Stadt Rödental, in der ein Experiment läuft.

Das Rödentaler Experiment

Unsere Gesellschaft wird älter und pflegebedürftiger. Die aktuelle Pflegestatistik, Stand 2013, gibt an, dass im Jahr 2011 rund 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig waren. Diese Zahl könnte, laut Prognosen des Statistischen Bundesamtes, durch den demografischen Wandel bis 2030 auf rund 3,4 Millionen steigen. Wie schafft man es, das alte Menschen länger fit bleiben und wer versorgt sie? Rödentals Antwort: Eine Reihe von Maßnahmen, die präventiv wirken und bei denen Ehrenamtliche eine Hauptrolle spielen.

Wer sich mit den Projekten beschäftigt, stößt immer wieder auf den 69-jährigen Hausarzt Wolfgang Hasselkus. Der sitzt im Stadtrat und ist der Seniorenbeauftragte der Stadt und des Landkreises. Als Hausarzt kannte er die Probleme der alten Leute aus der Praxis und fragte sich: Was kann man machen, um die Klinikaufenthalte zu reduzieren? Man muss die alten Leute zu Hause betreuen und die Muskeln trainieren. "Die alten Leute dürfen gar nicht in die Gefahr kommen, dass sie stürzen", sagt Hasselkus. "Wenn alte Menschen fallen, fängt das Elend an."

Wolfgang Hasselkus

Hasselkus hat seit 2004 eine Reihe von Projekten angeschoben, selbstständig, ohne Unterstützung der Krankenkassen, das Seniorenfitness-Studio, eine Seniorenhausgemeinschaft "Innovatives Wohnen im Alter", häusliche Hilfen, mit denen Senioren im Alltag unterstützt werden, und sogenannte präventive Hausbesuche, bei denen ehrenamtliche Helfer bei hochbetagten Senioren nach dem Rechten schauen.
Frau Schmidt hat rosa Blümchen auf die Tischdecke gestellt, denn heute kommt Frau Blübaum zu Besuch. Frau Blübaum arbeitet ehrenamtlich, macht präventive Hausbesuche und kommt ausgestattet mit einer Check-Liste. Zehn Kriterien stehen da, unter anderem Atemfrequenz, Fieber und Puls. "Frau Schmidt, jetzt müssen wir arbeiten. Strecken Sie den Finger aus", sagt Blübaum. Frau Schmidt drückt ihren Zeigefinger in ein blaues Gerät, das aussieht wie ein Zahnspangenbehälter. Frau Blübaum misst damit den Sauerstoffgehalt im Blut. "98 Prozent, das ist okay." Haken dran.

So geht es weiter. Der Puls ist in Ordnung, der Atem etwas flach. Fieber: Negativ. Fällt ein Wert aus dem Rahmen, dann informieren die Helfer den Hausarzt. "Ich würde es aber auch so merken, wenn es Frau Schmidt nicht gut geht", sagt Blübaum. Die beiden haben sich mit der Zeit angefreundet.

Die Untersuchung dauert meist nur fünf Minuten, die restliche Stunde plaudern die beiden Damen über den Amerika-Urlaub von Frau Blübaum, über die Kinder und über Vergangenes. Über dem schweren Sofa hängt die Wand voller gerahmter Geschichte. Erwachsene Kinder, kleine Enkel, große Enkel, Hochzeiten, Reisen. Ein Leben, verdichtet auf drei Mal einem Meter. In den Glasvitrinen drängen sich Porzellanfiguren, aufwändig bepinselt. Frau Schmidt hängt an den Erinnerungen. Ab und zu braucht es jemanden wie Frau Blübaum, der neue hinzufügt.

Es gibt deutlich weniger Stürze

Das Fitnessstudio, die Hausbesuche - aus den Einzelprojekten hat sich ein Gesamtkonzept entwickelt, das auf Prävention im Alter setzt. Wolfgang Hasselkus ist nicht alleine, Menschen wie Dorothee Gerhardt unterstützen ihn. Sie ist verantwortlich für das Seniorenwohnkonzept und Ansprechpartnerin für die Hausbesuche. "Es gibt deutlich weniger Stürze, und weniger Einweisungen, seit unsere Projekte laufen. Die Werte sind so niedrig, dass lässt sich nicht mehr mit dem guten Wasser in der Gegend erklären", sagt Hasselkus.

Lässt sich das Rödentaler Konzept auf ganz Deutschland übertragen? "Ich werbe für unsere Idee, die anderen Gemeinden müssen sie selbst anwenden", sagt Hasselkus. Immerhin: Die Galileo-Geräte werden immer wieder angefragt, elf andere Kommunen haben das Konzept der häuslichen Hilfen aufgegriffen.

Doch Hasselkus denkt schon weiter. Die neueste Idee: Nachstationäre Hausbesuche. Wenn ein alter Mensch aus dem Krankenhaus kommt, braucht er Hilfe - Rezepte abholen, das Bett beziehen, Termine organisieren. Pro Woche verlieren die Senioren in der Klinik rund ein Kilogramm Muskulatur, vor allem im Bereich der Oberschenkel. "Herr Doktor, ich bin kränker als vorher", sagen viele zu Hasselkus.

Die 84-jährige Mutter macht mit

Das Ehepaar Lesch ist vom Senioren-Fitnessstudio inzwischen so begeistert, dass sie selbst die Mutter von Ingrid Lesch überzeugt haben. Lisa Pechauf ist 84 und verschnauft nach jeder Übung kurz. Doch sie hält durch.
Das Studio hat sich für die Senioren zum sozialen Treffpunkt entwickelt, wie ein Kaffeeklatsch mit zusätzlichem Sportprogramm. Es gab sogar mal ein Pärchen, das sich in ihrem Fitnessstudio kennengelernt hat, sagt Frau Marek. Familie Lesch verlässt als letzte das Studio, die Oma schiebt sich und ihren Rollator Richtung Auto. Die Geräte zu Hause werden wohlweiter vor sich hin stauben. Philipp Woldin